Sommer 2021 in Karlsruhe

Stadtleben // Artikel vom 04.10.2021

Verwahrlosung (Models: Roger Waltz, Puce & Florian Kaufmann, Foto: Patrick Wurster)

Also bei diesem Sommer in Karlsruhe könnte man aber mal echt fast ins Schwärmen geraten!

Fast. In der leeren Stadt entstand an manchen Orten eine beinahe gelassene Atmosphäre, wie man sie sonst nur im deutlich entspannteren südbadischen Landesteil findet. Oasen wie das Café Palaver oder die Fünf in der Nordstadt und natürlich das lässigste Café Karlsruhes, die Segafredo-Bar von Pia und Burkhard Ecke Erbprinzen-/Bürgerstraße, entfalteten ihren ganzen Charme. Hier traf sich nicht nur Hin und Kunz, Künstler und Kulturakteure, die man sonst eher weniger im Stadtleben sieht. Alle tranken hier Kaffee, Espresso und Wein oder aßen wie ich Eiskaffee mit Vanilleeis und Sahne. Auch der frischgepresste O-Saft ist einfach nur geil. Man sitzt entspannt in der Bürgerstraße, „chillt seine Base“ und schaut dem im Sommer moderaten Trubel in der Erbprinzenstraße zu. So darf es sein. Auch die superstressigen RadfahrerInnen, die die Erbprinzenstraße zu bevölkern pflegen, schienen im Urlaub zu sein und störten lieber Esel auf Kreta. Nach ihrer Rückkehr werden sie vermutlich bis ans Ende der Zeit weiter „Fahrradhauptstadt“ üben. Im Segafredo sind noch bis Ende Oktober Werke der ebenso schillernden wie bekannten Karlsruher Künstlerin Annette Ziegler ausgestellt, die natürlich hier gerne mal einen Kaffee nimmt und alte wie neue Künstlerkontakte pflegt. Sie ist ganz begeistert von „ihrem“ Café – „fast wie in Paris“, schwärmt sie.

Die Stadt legt beim Schlendern und Entdecken ihrer schönen Orte und Oasen aber auch im wahrsten Sinne des Wortes „unverblümt“ ein anderes Antlitz frei: Plätze des Schreckens, der Verwahrlosung, stadtplanerische Offenbarungseide ohne Ende, eine Stadtgestaltung, die keinerlei Klimawandel zu kennen scheint und nahezu null Sinn hat für Plätze, die einem sozialen Miteinander dienen. Von einer neuen „Post-Corona-Aufenthalts- und Kommunikationskultur“ oder einem Plan hierfür ganz zu schweigen. Man betrachte sich den Platz vor der Christuskirche, der bald 20 Jahre als Baustellenlager genutzt wurde – auch noch lange nach Beendigung der Bautätigkeit. Am Mühlburger Tor gibt es neben einem Kriegsdenkmal einen Taubenschlag und eine (!) Bank.

Der Platzierungsort legt nahe, wie die Blickempfehlung der Stadt lautet: Schauen Sie auf eine vierspurige Straße und U-Strab-Betondeckel und die Badische Backstub’. Werden Sie bitte so glücklich und wandern Sie nicht gleich weiter in die Kaiserallee 11. Denn das verdorrte oder erst gar nicht vorhanden gewesene Grün kann einen echt depressiv machen. Ich packte zwei Bürostühle aufs Rad und wir pilgerten mit versammelter Mannschaft samt Hund mal dort hin, um fotografisch die potenziellen Aufenthaltsqualitäten auszuleuchten. Aber selbst unsere stets gutgelaunte Hunde-Madame Puce aus dem Burgund schien doch sehr gequält ob der Ödnis.

In der Gesamtbetrachtung dieses Sommers darf man sagen: Es besteht geradezu eine Verwahrlosung in der Stadt – in Sachen Sauberkeit, in Sachen der Platzgestaltungen, des Gießens von Bäumen und Grün. Dem Anlegen von Bäumen und Grün. Es sind vielerorts nicht mal mehr Mindeststandards erkennbar. Wären die Patenschaften nicht, mit denen BürgerInnen grüne Inseln in der Stadt in Pflege nehmen dürfen. So spart die Stadt am Wasser und lässt ihr Grün vertrocknen. Super Sache. Auch das Umstellen der Baumarten hat man 25 Jahre lang verschlafen. Nun lässt man sie verrotten. Weil man nicht gießt. Wahnsinn. Dafür wird die Gärtnerei der Stadt jetzt Bio-zertifiziert. Ein Schild für den Bürger, der dies Streich nennt. -rowa

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