Wie ist die Lage der Karlsruher Kreativszene?

Stadtleben // Artikel vom 17.11.2019

Erst verkündete der Family Tree Shop in der Südstadt seine Schließung zum Jahresende, dann trudelte die News ein, dass die Designmesse „Loft“ 2020 pausiert.

Im September erst hatten Claudia Kappenberger und Marina Eggen fünf Jahre Family Tree Shop gefeiert. Nun machte die Meldung die Runde: Der kleine Laden voller Designkostbarkeiten und Überraschungen, mit starker lokaler Verankerung im Sortiment, schließt zum Jahresende am 23.12. Ein Kapitel Karlsruher Designkultur ist damit ab Weihnachten beendet. „Noch haben wir offen!“, betont Eggen und weist darauf hin, dass es auch in den letzten Wochen nochmals Neues in dem kleinen Lokal in der Südstadt zu entdecken geben wird. „So ein Laden braucht natürlich Zeit, um anzulaufen“, weiß Marina Eggen.

„Nach fünf Jahren haben wir Resümee gezogen und leider festgestellt, dass das Wachstumspotenzial begrenzt ist. Wir hätten einen finanziellen Puffer gebraucht, um den Sprung ins nächste Level wagen zu können.“ Beide „Family Tree“-Gründerinnen haben parallel andere Jobs, der Laden konnte und kann nach Stand der Dinge auch in Zukunft keine alleinige Existenzgrundlage sein. Claudia Kappenberger erinnert auch daran, dass sie und ihre Kollegin beide ursprünglich Designerinnen sind, sich dann aber in der Rolle als Verkäuferin, Buchhalterin und Promoterin kaum noch ihrer kreativen Arbeit widmen konnten.

Letztlich hat das Aus viele Gründe, manche davon sind symptomatisch für die Karlsruher Kreativ- und DIY-Landschaft: Die Baustellen machen allen zu schaffen, auch wenn sich die Leute mittlerweile drauf eingestellt haben, wie Romy Ries erzählt, die grundsätzlich positiv auf das Geschäft ihres Concept Stores in der Yorckstraße blickt. Viele ihrer KundInnen kommen aus der Umgebung (u.a. Ettlingen, Waldbronn, Baden-Baden, der Pfalz) und suchen den Laden mit den ausgewählten, nachhaltigen Produkten von Einrichtung über Designobjekte bis zu Gaumenfreuden gezielt auf. Ein größerer Teil der Kundschaft wohnt selbst im Viertel, wovon Ries profitiert. Doch auch die Weststadt mit dem Kinderladen &mina hatte jüngst eine Schließung zu beklagen. Der Family Tree Shop hat es mit seiner Lage in der Durchgangsschneise Rüppurrer Straße nicht einfach: „In Karlsruhe gibt es kein Viertel, das für seine vielen kleinen Geschäfte bekannt ist, wie man es aus anderen Städten kennt“, sagt Claudia Kappenberger. In der Südstadt gäbe es zwar die Patina oder Tom Bollers Ladengalerie, der teils erwartete Wandel zum florierenden Kreativviertel sei aber ausgeblieben. Kappenberger und Eggen haben sich eine stabile, treue Kundschaft aufgebaut. Allerdings ist sie zu klein, um dauerhaft durch sie bestehen zu können. Vielen Leuten müsse man erst vermitteln, warum eine handgemachte Lampe teurer ist als die Stangenware aus der Massenproduktion. Auch der Onlinehandel macht den kleinen Läden zu schaffen und treibt mitunter skurrile Blüten: So gingen beim Family Tree Shop bereits Onlinebestellungen innerhalb von Karlsruhe ein. Romy Ries verzichtet ganz bewusst auf Verkauf im Netz: „Ich biete einen authentischen Gegenpol zur Anonymität des Internets und möchte, dass die Menschen nicht verlernen, etwas anzufassen und zu schmecken. Es ist auch ein Lebensgefühl, das ich mitgebe.“ Auch Marina Eggen wünscht sich, „dass die Leute wieder mehr in Läden gehen, selbst wenn das Sortiment begrenzt ist. Mehr Kunden hätten uns die Entscheidung zu schließen erspart.“

Günstig ist Handgemachtes nicht, muss aber auch kein Luxus sein – in DIY-Läden gibt es auch Ware zum kleinen Preis. Günstig sind aber auch die Mieten nicht. Diese Erfahrung macht derzeit Tine Mettendorf vom Label Tin Spirit, die aus alten Fahrradschläuchen, Luftmatratzen aus den 70ern und Comicheften Upcycling-Produkte wie Geldbeutel, Taschen und Handyhüllen herstellt, und derzeit auf der Suche nach einem Raum zum Arbeiten und Verkaufen ist. „Kaltmieten um die 1.000 Euro für 50 Quadratmeter sind normal. Das können sich viele Kreative nicht leisten.“ Noch lebt Mettendorf nicht von ihrer kreativen Arbeit, doch wünscht sie sich, „dass es bessere Vermittlungsmöglichkeiten von Leerstand für Kreative seitens der Stadt gäbe. Mehr kreative Läden, die in der Innenstadt verteilt wären, würden Karlsruhe beleben.“ Auch die Noch-„Family Trees“ wünschen sich mehr Kooperationsbereitschaft von der Stadt, aber auch ein finanzielles Entgegenkommen von Vermieterseite. „Ich fände es schön, wenn man die Kettenbespielung in der Innenstadt aufbrechen könnte“, meint Marina Eggen. „Karlsruhe hat dort ja mit Leerstand zu kämpfen.“

Die Stadtmitte richtet am So, 17.11. zum dritten Mal ihren „Wunder“-Kunst- und Designmarkt aus. „Für uns als nicht geförderten Veranstalter ist die offizielle Marktfestsetzungsgebühr eine riesige Summe“, berichtet die Geschäftsführerin des Clubs, Christiane Ohnemus. „Auch wenn wir für den ‚Wunder‘-Markt vielleicht eine Sondergenehmigung bekämen, können wir uns Plakatierung nicht leisten. Die Stadt kassiert eher ab, als dass sie uns unterstützt.“ Kreativmärkte wie „Wunder“, aber auch die „Lametta“ oder „Schöne Bescherung“ in Pforzheim sind für die DIY-Szene eine große Unterstützung. Hier kommt viel Publikum, das sich gezielt für das Angebot interessiert, man wird sichtbar, kann verkaufen und sich vernetzen.

Derweil kündigte die Kreativmesse „Loft“ an, 2020 zu pausieren. Die gewünschten Synergien mit dem „New Housing – Tiny House Festival“ seien nicht eingetreten. Man verspricht, 2021 eine neukonzipierte, verbesserte Messe anbieten zu können. Bei allem Leer- und Missstand, bleibt aber auch festzuhalten: „In den vergangenen Jahren ist in Karlsruhe viel passiert. Die Lage ist besser als 2009!“, findet Claudia Kappenberger. Besseres Leerstandmanagement, Mietenregulation und ein Bewusstsein für die Thematik Online-/Einzelhandel sind dennoch Baustellen, die sich nicht einfach mit Steinen zuschütten lassen. -fd

Family Tree Shop: Rüppurrer Str. 25, www.familytreeshop.de, vertreten auf „Schöne Bescherung“ (Sa+So, 30.11.+1.12., Emma – Kreativzentrum Pforzheim) und Lametta (Fr+Sa, 6.+7.12., Tollhaus); Romy Ries Concept Store: Yorckstr. 41, www.romyries.de; Tin Spirit: „Wunder“-Markt (So, 17.11., Die Stadtmitte) u. „Artvent“ (Fr-So, 29.11.-1.12., Orgelfabrik), www.tin-spirit.de

Zurück

Einen Kommentar schreiben

Bitte rechnen Sie 6 plus 9.

WEITERE STADTLEBEN-ARTIKEL





Abgesagt: Silvester Dinner Ball 2021

Stadtleben // Artikel vom 31.12.2021

Zum Jahreswechsel erwartet die Gäste im Kurhaus Baden-Baden ein erlesenes Sechs-Gänge-Menü samt Livemusik im unverwechselbaren Ambiente des Bénazetsaals.

Weiterlesen …


Abgesagt: BBE-Tanztee an Weihnachten

Stadtleben // Artikel vom 26.12.2021

An einem entspannenden zweiten Weihnachtsfeiertagsnachmittag genießt man hier die vielseitige Tanzmusik der Baden-Badener Casino Band.

Weiterlesen …