Zwei Jahre „Druckschrift“


Stadtleben // Artikel vom 11.05.2017

Jan Krüger

Dass Jubiläumsnummer zehn mit einem großen Haufen aufmachen würde, hätte das Redaktionskollektiv der „Druckschrift“ wohl nicht gedacht, als es im Dezember 2014 erstmals das Karlsruher „Summen und Brummen“ in Worte übersetzte.

Guter Grund: der für Sa, 3.6. in Durlach angemeldete „Tag der deutschen Zukunft“ (TddZ), ein Nazi-Aufmarsch mit bundesweiter Bedeutung und enorm identitätsstiftendem Charakter für die Szene. Über diese und andere akute Stadtdebatten sprach INKA-Redakteur Patrick Wurster mit Jan Krüger von der „Druckschrift“, der sich auch im Antifaschistischen Aktionsbündnis für den Protest gegen die braune Demo engagiert.

INKA: Eure „Beiträge für eine lebendige Streitkultur“ gehören inzwischen zum guten Ton in einer Stadt, die – wie jüngst die Fälle KIT-Erweiterung und Hauptbahnhof-Süd-Verschacherung wieder zeigen – den Diskurs nun nicht gerade zu ihren großen Stärken zählen kann...
Jan Krüger: Uns geht es im Kern um Einmischung, Parteinahme und Aufklärung – für eine solidarische Stadt. Das ehrenamtliche Zeitungsprojekt „Druckschrift“ bieten wir allen als Plattform an, die Karlsruhe lebens- und liebenswerter machen wollen. Beiträge und Mitarbeit sind willkommen! Jede abgeschlossene Fördermitgliedschaft in unserem Herausgeberverein Aufgefächert und jedes Abo hilft, die Geschichte der „Druckschrift“ fortzuschreiben. Wie notwendig Intervention ist, zeigt die Vermarktung des „Filetstücks“ hinterm Hauptbahnhof beispielhaft: Lange Jahre tat sich dort nichts. Ohne Not wurde 2006 die Ex-Steffi planiert, 2015 beschloss der Gemeinderat dann die Ermächtigung zur Räumung der Künstlerateliers auf dem Areal, aber weder für die Ex-Steffi noch für die Ateliers wurde Ersatz geschaffen. Fast schon frech dann die Ankündigung, dort einen „Kultur- und Kreativpark“ entstehen lassen zu wollen – samt Feigenblatt-Bürgerbeteiligungsprozess. Nur um kurz darauf zu vermelden, dass mehr als die Hälfte des Geländes an die United Internet AG verkauft wird. Auf dem dann privatisierten Grund sollen ein Wohnhochhaus und Büroflächen entstehen. Mit lästigen Anforderungen wie die Mehrfachbeauftragung zur Einholung von Vorplanungsleistungen will man den Großinvestor dabei erst gar nicht behelligen.

INKA: Ein Thema, das auch euch immer wieder beschäftigt, sind die unerträglichen Spaziergänge, bei denen Kargida und „Karls­ruhe wehrt sich“ anscheinend ohne große Gegenwehr vonseiten der Stadt eine zentrale Bühne bekommen, was die gerade zu Ende gegangenen „Karlsruher Wochen gegen Rassismus“ wie eine schnöde PR-Kampagne erscheinen lässt. Und vor dem TddZ versteckt sich OB Mentrup hinter der VGH-Schlappe von 2013. Ist die Verwaltung tatsächlich so machtlos?
Krüger: Wenn wir den neuerlichen Aufmarsch verhindern wollen, müssen Konsequenzen aus 2013 gezogen werden. Damals standen den Neonazis am Hauptbahnhof 2.500 Menschen gegenüber. Vor Ort wurde der Aufmarsch zwar verboten, aber danach klagten die Nazis, dass ihr Recht auf Demonstrationsfreiheit unverhältnismäßig eingeschränkt gewesen sei – und bekamen nicht zuletzt wegen der polizeilichen Lageeinschätzung vor Gericht Recht. Eine herbe Niederlage für die Karlsruher Behörden und den OB! Dieses Urteil darf aber mitnichten so gelesen werden, als ob Herr Mentrup keine Möglichkeit hätte, sich vehementer gegen den TddZ zu stellen, im Gegenteil: Die Begründung legt vielmehr nahe, das Engagement zu erhöhen! Das Antifaschistische Aktionsbündnis hat einen Konsens verabredet, der mit den Worten schließt: „Gemeinsam stellen wir uns Rassismus, Menschenfeindlichkeit und den Nazis in den Weg!“ Muss heißen: Diesmal sollten wir 5.000 und mehr sein, damit auch die Polizei zur Einschätzung kommt, dass die Nazis nicht laufen können.

INKA: Du bist nicht nur politischer Überzeugungstäter, sondern auch treuer KSC-Beobachter. Welche Lehren müssen aus dem Abstieg mit Ansage gezogen werden?
Krüger: Dem KSC würde ich ein Drei-Punkte-Sofortprogramm anraten: Erstens Wellenreuther raus! Zweitens Wellenreuther raus! Und drittens Wellenreuther raus! Die vom Präsidenten zur Schau getragene Selbstgerechtigkeit ist einfach würdelos. Der Club steht sportlich so desolat da wie nie zuvor, ist völlig visionslos, die Zuschauer wenden sich in Scharen ab. Ich sähe es mit Freude, wenn der KSC einen Neuanfang wagt: Dazu gehört in erster Linie natürlich ein sportliches Konzept. Aber der KSC braucht auch ein Profil, das über das hinausweist, was auf dem Rasen passiert. Karlsruhe hat eine reichhaltige Fußballgeschichte. Dummheiten wie „Großherzogtum Baden“-Fahnen haben im Stadion nichts verloren! Der Fußballsport war niemals aristokratisch, er wurde von jungen Männern aus dem Bürgertum zum Leben erweckt und fand in der Arbeiterklasse seine massenhafte Verbreitung. Also her mit den Bensemann Boys oder der Wiederbelegung der Brigade Friedrich Hecker!

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