Lebendige Flachware

Wissen & Buch // Artikel vom 14.06.2012

Die Literarische Gesellschaft würdigt den 60. Landesgeburtstag bis zum 26.8. in einer Ausstellung über die „Literatur in Baden-Württemberg 1970-2010“.

INKA-Redakteur Patrick Wurster befragte Leiter und Literaturprofessor Hansgeorg Schmidt-Bergmann.

INKA: Die Thesenausstellung „Literatur in Baden-Württemberg 1970 bis 2010“ nimmt die Literatur nicht nur beim Wort. Wie präsentiert man trockene Flachware lebendig?
Hansgeorg Schmidt-Bergmann: Indem wir etwa unsere Schriftsteller um Exponate aus ihrem persönlichsten Umfeld gebeten haben. Nicht zur bloßen Illustration, sondern vor allem, um den Schreibprozess plastisch zu machen. Von Martin Walser haben wir die ersten vier handgeschriebenen Seiten von „Ein fliehendes Pferd“ bekommen, anhand derer man ersehen kann, wie schnell er schreibt und dabei auch vieles wieder streicht. Wilhelm Genazino hat erstmals die Arbeitshefte zur „Abschaffel“-Trilogie zur Verfügung gestellt, die darlegen, wie er seine Bücher geradezu minutiös konstruiert. Von Peter Schneider zeigen wir die erste Seite von „Lenz“, auch private Kunstbücher mit Zeichnungen und Scherenschnitten von Sibylle Lewitscharoff oder Ernst Blochs Notizzettel „Für Karlsruhe“, den sich der Philosoph Anfang der 70er vor einem Auftritt als Gedächtnisstütze zurechtgelegt hat – inklusive Brandloch, das von einer seiner Pfeifen herrührt, die wir ebenfalls ausstellen. Dazu kommen popkulturelle Spielereien wie die originale Barbour-Jacke aus Christian Krachts Roman „Faserland“.

INKA: Einen „Playboy“ würde man ebenfalls nicht zwingend unter den Exponaten einer Literaturschau vermuten...
Schmidt-Bergmann: ...hätte nicht Literaturwissenschaftler Leslie Fiedler mit seinem Aufsatz „Cross The Border – Close The Gap“ in der Ausgabe vom Dezember 1969 die Postmoderne in Amerika diskutiert, worauf Walser im „Kursbuch“ reagiert hat. Um diese teils komplexen Zusammenhänge zu verdeutlichen, machen wir uns auch die Neuen Medien zu eigen und setzen neben Bildschirmen und Hörstationen zum ersten Mal iPads ein, mit denen die Besucher sich frei in der Ausstellung bewegen und durch begleitende Filme, Fotos und Texte eine weitere Vertiefungsebene nutzen können. So sehen wir etwa, wie Walser, in einem TV-Talk noch als Populist angegriffen, den Fall der Mauer einfordert. Ob nun F.C. Delius’ den Siemens-Konzern herausfordernde Festschrift oder Jean-Paul Sartres Besuch in Stammheim – wir wollen mit der Ausstellung vermitteln, dass Literatur immer schon auch eine politische Funktion gehabt hat.

INKA: Im Karlsruher Rathaus wird derzeit laut über eine Neugestaltung des Stadtmuseums nachgedacht – mit einem möglichen Szenario, dass das MLO eine neue Bleibe bräuchte.
Schmidt-Bergmann: Das Stadtmuseum muss dringend überarbeitet werden, gar keine Frage. Wir sind für alles offen, wünschen uns allerdings, in den nächsten fünf Jahren von der Stadt noch mehr in die Planung einbezogen zu werden – ob wir den MLO-Standort Prinz-Max-Palais bewahren können oder einen ähnlich attraktiven in der Innenstadt bekommen, wird sich zeigen. Aber Karlsruhe entwickelt sich immer mehr zur Literaturstadt, wie auch die Ausrichtung der 29. „Baden-Württembergischen Literaturtage“ vom 20.9.-12.10. belegt. Und wir benötigen adäquate Räume, um der Literatur in Karlsruhe auch in Zukunft einem attraktiven Ort zu bieten.

INKA: Wie ist in diesem Zusammenhang die neue Reihe „Literatur im Konzerthaus“ einzuordnen?
Schmidt-Bergmann: Nach den erfolgreichen Lesungen mit Günter Grass im Jahr 2010 und Joachim Gauck diesen Januar haben wir – die Literarische Gesellschaft, KMK-Geschäftsführerin Britta Wirtz und Paul Kaufmann von der Stephanus-Buchhandlung – beschlossen, mindestens dreimal pro Jahr gemeinsam Abende mit Persönlichkeiten der Literaturszene im Konzerthaus zu veranstalten. Es ist in Karlsruhe sicherlich schwieriger, 1.000 Besucher für eine Literaturveranstaltung zu mobilisieren als in Hamburg, Köln oder Stuttgart. Dass es funktioniert, hat jüngst Rafik Schami bewiesen, der vor ausverkauftem Haus gelesen hat. Ich bin jedenfalls gewiss, dass wir die Reihe mit dem festen Standort etablieren werden.

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