Lyrikwettbewerb „100 Jahre Paul Celan“

Wissen & Buch // Artikel vom 16.06.2022

Die Stadtmitte

Ist es in Anbetracht der aktuellen Realität der Kriegstragödie in Europa, mit ihrer infernalen Maschinerie der Vernichtung von Mensch und Menschlichkeit, mit ihren Hekatomben der Vertreibung, angebracht, zu einem Dichterwettstreit, halb nach antikem Vorbild, halb Poetry-Slam einzuladen, so wie dieses Grand Finale des Lyrikwettbewerbs zum Themenkomplex „Exil, Flucht, Emigration und Vertreibung – 100 Jahre Paul Celan“ geplant war?

Oder sollte man alles – wenn auch ins Ludische sublimierte – „martialisch“ Anmutende entsetzt und auch aus Solidarität mit den Opfern des aktuellen Konflikts, die nun europäische Zeitgenossen und in unserer Mitte nach Flucht und Vertreibung, schutzsuchend existieren, vermeiden?

von Ondine Dietz

Wenn eine epochale Pandemie die Austragung der Veranstaltung verzögert hatte, zu einer Zeit, zu der wir alle konkret und auch symbolisch auf der Flucht waren und in Isolation, in Gesellschaft der Dichter und deren Bücher, ein reales Miteinander sehnsüchtig vermisst hatten, nun kann sie stattfinden, unsäglicherweise und doch so unheimlich passend, vor dem Hintergrund einer europäischen Tragödie, die die alte ist und trotzdem unserer Zeit neue Wunden schlägt, die die Thematik des vor zwei Jahren initiierten Wettbewerbs ins Zentrum der Aktualität verrückt hat. Sollten die Dichterinnen, die „Düsteres im Gedächtnis, Fragwürdiges um sie herum (...)“ erfahren, mit der Menschheit, um die Menschlichkeit trauern, betroffen die Stille wahren, oder im Gegenteil, den Dichterwettstreit und mit ihm das Leben zelebrieren, opulent und trotzdem achtsam, ein mögliches, festliches Miteinander vorleben?

„(...)kränzt euch mit Epheu, nehmt den Thyrsusstab zur Hand und wundert euch nicht, wenn Tiger und Panther sich schmeichelnd zu euren Knien niederlegen...“, so beschwingt und wundererheischend sollte es im Ideal zugehen. Die Tatsache, dass eine Fülle an Ambiguitäten und die berühmte Koinzidenz von Gegensätzen eine lebendige Komplexität erschafft, die anregt und auch die Urmaterie der Realität darstellt, die die Dichtung seit Anbeginn inspiriert, gibt die geistigen Parameter der Veranstaltung vor.

Ist ein Dichterwettbewerb zum Themenkomplex Krieg, Vertreibung, Emmigration ein, unter dem Damokles Schwert seiner, quasi von einem Oxymoron behafteter Qualität, schwebender Wirklichkeit, legitim und erfahrenswert? Die acht Finalistinnen des Paul-Celan-Lyrikwettbewerbs werden es am Do, 16.6. ab 14 Uhr in zwei Wettbewerbsrunden mit Publikumsvoting beantworten. Beantworten, oder...? Nein, für immer schweigen werden sie nie, sie werden die Fragen vielfältig, wundersam bildgewaltig und immer präziser und präziser stellen, Welt und Wirklichkeit in Frage stellen, nie schweigen, denn Gedichte führen ihre kundtuende Existenz für ewig. Auch die Gedichte, der zwei der insgesamt acht Finalistinnen des Wettbewerbs, die in der, so könnte man rückblickend feststellen, doch kurzer, aber auf bestürzender Weise ereignisreichen Zeit, seit Anfang des ausgeschriebenen Lyrikwettbewerbs, von uns gegangen sind, werden im Finale zu hören sein. Auch ihnen, den abwesenden Dichterinnen, von denen großartige, eindrucksvolle Gedichte bleiben, ist die Veranstaltung gewidmet, zu der wir herzlich, getragen von Hoffnung auf zahlreiche Teilnahme und frenetische Begeisterung als Zeichen der Solidarität mit dem Schicksal von Geflüchteten einladen.

Wettbewerbsbeiträge von Irmentraud Kiefer, Martha Klagsbrunn, Sofie Steinfest, Woo Jin Lee, Robert Freitag, Jutta von Ochsenstein, Waldbuchler und Lea Ammertal werden von den AutorInnen in zwei Wettbewerbsrunden vorgetragen. Die Teilnahme an der zweiten Runde sowie die Siegerinnen entscheidet das Publikum mittels Voting. Der Rechtsweg ist ausgeschlossen. Die Veranstaltung ist gefördert vom Kulturbüro der Stadt Karlsruhe. Erfrischungen und Getränke werden angeboten. Offen ab 13 Uhr. Veranstaltungsbeginn um 14 Uhr. Eintritt: acht Euro (erm. fünf).

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