Streitkultur in anonymem World Wide Web steigt

Wissen & Buch // Artikel vom 16.02.2020

In einem Interview mit dem Journalisten Hasnain Kazim widmet sich der Weserkurier dem kulturellen Wandel, in welchem Streitigkeiten und Hassmails immer häufiger für Unfrieden sorgen.

Viele Menschen machen sich die Anonymität des Internets zunutze, um fremdenfeindliche Äußerungen loszulassen, Frauen sexistisch anzugehen und auch, um Drohungen auszusprechen. Man findet diese sehr beängstigende neue Kultur vor allen Dingen in sozialen Netzwerken. Täter verstecken sich hinter Nicknamen und es ist selbst bei einer Anzeige schwierig, die Verantwortlichen aufzuspüren. Eine Streitkultur hat es immer schon gegebenen. Experten stellen jedoch erschrocken fest, dass der Hass gerade im anonymen Internet immer mehr zunimmt. Trotz drohender Strafen lassen sich Populisten und Pöbler nicht davon abbringen, andere Menschen zu bedrohen oder zu beschimpfen.

Hasnain Kazim wurde im Interview dazu befragt, wie er mit Hassmails und Anfeindungen umgeht. Er hat in all den Jahren gelernt: „Ich halte es für wichtig, zu reagieren, sich zu wehren und andere in die Schranken zu weisen, wenn sie Grenzen überschreiten. Denn es gibt in einer zivilisierten Gesellschaft Grenzen des Sagbaren. Sie werden nicht vom Strafrecht bestimmt, sondern von Moral und Anstand. Eine Diskussionskultur verdient ihren Namen nur, wenn man die ausschließt, die von sich geben, was jenseits des Sagbaren liegt.“

Einige Branchen pflegen noch immer freundlichen Umgang

So sehr dieser Kulturwandel schockiert, so schön ist es zu beobachten, dass es auch anders geht. Wer beispielsweise in der Online-Casino-Branche aktiv ist, kann nicht nur Spiele wie Roulette gratis spielen, sondern trifft dort auch auf Gleichgesinnte. Im Bereich Gaming stehen das Miteinander und die Toleranz im Vordergrund. Dabei haben Casinobetreiber einen klaren Vorteil gegenüber sozialen Medien. Wer hier spielen will, der ist gezwungen, sich mit echten Kundendaten zu registrieren. Sollte es im Live-Chat zu Anfeindungen kommen, können die Verantwortlichen gleich eingreifen und den entsprechenden Nutzer sperren.

Anders wiederum sieht es auf Seiten wie Facebook auf. Eine Prüfung der Daten findet in nur seltenen Fällen statt. Zwar können verbale Angriffe gemeldet werden, die Betreiber des sozialen Netzwerks reagieren jedoch nicht so, wie es sich Betroffene wünschen würden. Das soll sich bald ändern, denn Experten fordern schon lange die Echtnamenpflicht, um gerade Verbrechen und Vergehen konkreter ahnden zu können. Fakt ist nämlich, dass sowohl der verbale Angriff als auch das anonyme Versenden von Hassmails einen Strafbestand darstellen.

So geht man richtig mit Hassmails um

Der Journalist Hasnain Kazim ist, wie man bereits erahnen kann, nicht deutschstämmig und pflegt demnach auch eine etwas andere Kultur als die, wie wir sie hierzulande leben. Umso häufiger sieht er sich Pöbeleien ausgesetzt. Diese haben sich in all den Jahren summiert, sodass sich Kazam schlussendlich dazu entschied, einen eigenen Ratgeber zum Umgang mit solchen Angriffen zu veröffentlichen. Kazim beschreibt im Interview, dass er sich beinahe täglich mit Hassmails konfrontiert sieht. Er empfiehlt allen Betroffenen, diese Pöbeleien nicht zu ignorieren, sondern zu reagieren und im besten Fall direkt Anzeige zu erstatten. Die Täter lassen sich zwar schwer feststellen, doch je mehr Betroffene reagieren, desto größer ist die abschreckende Wirkung. E-Mails sollte man deshalb unbedingt immer ausdrucken und direkt an die Polizei weiterleiten.

Anonymität schürt die Kultur des Streitens

Nicht nur der Journalist bemerkt, dass ein Kulturwandel stattfindet. Gerade online herrscht ein bedeutend rauerer Ton als noch vor rund 20 Jahren. Extremisten, Rassisten und dergleichen fühlen sich sicher und lassen im Netz allerhand Parolen vom Stapel, die sie sich Auge in Auge nie auszusprechen wagen, würden. Wer immer einer besonderen Gruppe angehört, seien es ausländische Mitbürger, Homosexuelle oder dergleichen, müssen in Zeiten der Anonymität ständig mit Angriffen auf ihre Person rechnen. Höchste Zeit, das zu ändern. In dem Punkt ist insbesondere die Politik gefragt, denn die hätte zumindest den größten Einfluss auf das wilde und teilweise sehr aggressive Treiben in den Weiten des Internets.

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Ivo ist 27, verdient 100.000 Euro die Woche und fährt Bugatti. Frau und Kinder hat der Fußballprofi auch.