ARD Hörspieltage 2018

Bühne & Klassik // Artikel vom 07.11.2018

Der nasse Fisch (Foto: Radio Bremen, Ali Ghandtschi)

In der Hörspielwelt tut sich was.

Ein Hörspiel kann heute die Form einer Installation, einer Live-Performance oder einer App annehmen. Das alles machen die „ARD Hörspieltage“ deutlich – und doch steht im Zentrum das klassische Hörspiel, das anfängt und läuft, und dem man einfach zuhört. Gleich zwölfmal kann man das gemeinsam als Publikum tun, wenn die Wettbewerbsstücke der öffentlich-rechtlichen Rundfunksender im Klangdom des ZKM-Kubus ertönen. Gleich nach der Festival-Eröffnung mit klingenden Koffern (Mi, 7.11., 18 Uhr, ZKM-Foyer) geht’s los mit dem Wettbewerb. Der läuft bis Samstagabend, wenn um 21 Uhr in der Nacht der Gewinner mit der Band Nicole Jo die Preise verliehen werden. Und fast immer heißt es: Eintritt frei!

Berlin in den 20ern: Live-Hörspiel & ARD Hörspielnacht
Mehr als nur ein Hauch „Babylon Berlin“ weht durch die Hallen des ZKM bei den „ARD Hörspieltagen“. Die mit Preisen überhäufte Serie läuft seit Ende September nun auch im Free-TV und basiert auf Volker Kutschers Kriminalroman „Der nasse Fisch“. Im brodelnden Berlin der späten 1920er Jahre ermittelt der Kommissar Gereon Rath, unterstützt von seiner Stenotypistin und Flamme Charly. Bevor die „ARD Hörspielnacht“ die Story als Hörfassung präsentiert (Mi, 8.11., 22 Uhr, ZKM-Vortragssaal), erzählt das Live-Hörspiel „Moabit“ die Vorgeschichte von Charly, die als Tochter eines Gefängnisaufsehers aufwächst (21 Uhr, ZKM-Medientheater).

Klangdom-Konzert
Die Lautsprecher-Kuppel im ZKM-Kubus macht beim Hören der Wettbewerbsstücke schon neugierig. Ihre Raumklang-Wirkung kommt bei den vier sound- und radiokünstlerischen Stücken im Klangdom-Konzert zur vollen Entfaltung. „Next City Sounds“ von Yannick Hofmann, Marco Kempf und Dan Wilcox besteht aus Klangaufnahmen aus dem Karlsruher Stadtraum. Gianluca Verlingieri bezieht sich in „Fontana ReMix“ auf John Cage. In „Spheres Of Resonance“ überträgt Ludger Brümmer mechanische Gesetze in Musik, und Martin Brandlmayrs „Vive les fantômes“ ist eine klingende Hommage an Gespenster.
Sa, 10.11., 18 Uhr, ZKM-Kubus

Late-Night-Konzert: Ströme
Hinter zwei Synthie-Towern, größer als die Musiker selbst, stehen Mario und Tobias alias Ströme und zwirbeln analoge Klangwellen aufs Parkett. Die treiben dahin wie ein Flusslauf zum Wasserfall und machen das sphärische Duo in kleinen Clubs genauso gefragt wie auf Festivals à la „Fusion“. Live verzichten die Jungs auf Computer und vertrauen ganz den Schaltungen ihrer Modularsynthies und anderer Gerätschaften. Bei den „ARD Hörspieltagen“ laden Ströme zum Late-Night-Konzert.
Fr, 9.11., 23 Uhr, HfG-Lichthof 4

Schwarzwaldlabor: Crisis in Art 1918/2018
Welches Weltreich könnte 100 Jahre nach dem Ende des 1. Weltkriegs fallen? Handelt es sich vielleicht um Google oder Facebook? Das Schwarzwaldlabor untersucht die Mächte und Dynamiken auf der Welt im Jahr 2018, schaut ins Internet, nach China und zieht den politischen wie künstlerischen Vergleich zu 1918. Vorläufiges Ergebnis ist das Live-Hörstück „Crisis in Art 1918/2018“ mit Christian Claus (Turntables & Stimmen), Matthias Ockert (E-Gitarre/Elektronik) und Franz Ferdinand August Rieks (Klavier/Elektronik), produziert vom Musiktheater Intégrale Karlsruhe.
Fr, 9.11., 19 Uhr, Städtische Galerie

ARD PiNball
Die „PiN“ in „PiNball“ steht für „Premiere im Netz“. Dahinter verbirgt sich der Wettbewerb für die freie Hörspielszene, die jenseits der Rundfunkanstalten im Schlafzimmerstudio oder an der Hochschule tätig ist. In den letzten Jahren machte „PiNball“ deutlich, welch kreatives und überraschendes Potenzial dort steckt. Die fünf Finalisten werden vor Ort sein und mit Moderatorin Alexandra Müller und dem Publikum über ihre Stücke sprechen, die es natürlich auch zu hören gibt.
Fr, 9.11., 21 Uhr, HfG-Studio

Hör-Installation: Der Absprung
Ein Lautsprecher steht auf einem Sprungbrett. Stimmen nehmen Anlauf, setzen zum Absprung an. Auf dem Boden befinden sich weitere Lautsprecher, zwischen denen sich umherwandeln lässt – mal macht sich aus ihnen eine jubelnde Menge vernehmbar, mal ertönt dort der Aufprall eines Kühlschranks. In der Hörinstallation „Der Absprung“ verarbeitet Paul Plamper die reale Begebenheit einer ostdeutschen Stadt, in der ein Theater wegen seines dunkelhäutigen Schauspielers angefeindet wurde. Ein konfliktreiches Stimmungsbild aus widersprüchlichen Stimmen.
Do, 8.11., 13+21 Uhr (Publikumsgespräch nach der 2. Vorführung), Sa, 10.11., 19.30 Uhr, HfG-Lichthof 3

HfG: Hörspiel-Labyrinth & Filmreihe
In einer verlassenen Forschungsstation der Mondbewohner liegen wissenschaftliche Instrumente. Mit dem Spectrophon lässt sich in das Kopfsystem der Erde einklinken. Da erscheinen Fragmente und Gedanken von Niklas Luhmann über Helmholtz bis Platon, von Fledermäusen über Ideen bis zur Aura der Reproduktion. Studierende der Hochschule für Gestaltung Karlsruhe setzten sich mit den Radioarbeiten Walter Benjamins aus den 20er- und 30er-Jahren auseinander, und entwickelten gemeinsam mit Radioprofis das Hörspiel und die Hörinstallation „Lichtenberg. Konstellationen“, die im Klanglabyrinth zu finden ist (Do, 8.11., 18 Uhr, HfG Studio). Zuvor lädt die HfG zur Filmreihe in den Blauen Salon (14-16 Uhr).

Helgas Bar
Letztes Jahr betrieben Helga und ihre Cousinen noch einen akustischen Friseursalon, jetzt haben sie die Branche gewechselt: In Helgas Bar stehen täglich frische Hörspiel-Menüs auf der Karte, dazu gibt’s Toast Hawaii und Piccolöchen. Ideal für den kleinen Soundsnack zwischendurch – das Ohr isst mit. · Mi, 16-23 Uhr, Do+Fr, 16-22 Uhr, Sa 16-21 Uhr, ZKM-Musikbalkon

Hör-Spiel-Box & Hörspiel-Seminar
Nicht nur hören, sondern auch selber Hörspiel machen? Bitte sehr: Die „ARD Hör-Spiel-Box“ steht allen offen, die Texte einsprechen, mit Geräuschen versehen und zu einem kleinen Stück zusammenbasteln, sie ist das ganze Festival über im ZKM-Foyer zu finden. In seinem Hörspiel-Seminar unterstützt der Autor Markus Orths die Teilnehmenden beim Schreiben ihrer eigenen Texte und Hörspiel-Szenen. Anmeldung erforderlich unter fdsinbw@gmx.de (Fr-So, 9.-11.11.).

Kinderhörspieltag
Kinder sind und bleiben ein eifriges Hörspielpublikum, so bekommen sie beim Festival im ZKM einen eigenen Tag (So, 11.11.). Im Live-Musikhörspiel „Konrad oder Das Kind aus der Konservenbüchse“ nach Christine Nöstlinger hat sich eine kinderlose Künstlerin aus Versehen einen Jungen in einer Dose nach Hause bestellt (14 Uhr, HfG-Lichthof 4). Auch das Märchen „Des Kaisers neue Kleider“ wird live vom Sprecher Lars Reichow und dem SWR Vokalensemble erzählt (16.15 Uhr, ZKM-Medientheater). Überall im ZKM gibt es etwas zu hören, basteln und erleben. So kann man auf eine Abenteuer-Rallye gehen oder auf der Lauschinsel die Klänge von Lava, Urwald und Geysiren entdecken – und vieles mehr. (10-17 Uhr).

Diskussionen
Lässt sich mit Hörspiel Geld verdienen? Die Firma Boxine, Erfinder des Kinder-Hörwürfels „Tonie“, würde sicherlich „Ja“ sagen. In einer Diskussion über Markt und Publikum sind auch Vertreter der Streamingplattform Audible und des öffentlich-rechtlichen Rundfunks mit von der Partie (Do, 8.11.). Um neue crossmediale Hörspielformen geht es am Fr, 9.11. im Talk mit Bettina Fächer vom SWR und Autor Philipp Zimmermann. Das Hörspiel, das im Radio begann und lange über Kassette und CD funktionierte, sieht sich heute durch AR und VR, Sprachassistenten und Podcasts mit neuen Möglichkeiten konfrontiert.
jeweils 18 Uhr, ZKM-Vortragssaal

7.-11.11., ZKM/Städtische Galerie/Hochschule für Gestaltung, Karlsruhe

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