Stadt, Raum, Club?

Clubkultur // Artikel vom 16.09.2014

Ein Stimmungsbild der freien Kulturszene von Friedemann Dupelius.

Baustellen machen Lärm. Nicht nur die Karlsruher Innenstadt, auch das kulturelle Innenleben von „Fächertown“ ist derzeit eine Langzeitbaustelle – mit dem Unterschied, dass sie nicht zwingend so unüberhörbar scheppert und brummt wie es das an den Einstichstellen der U-Strab tut. Unter Clubbetreibern und Kulturmachern der freien Szene rumort es eher in der Tiefe, an verschiedenen Themenpunkten: Raumnot, Kontrolle von oben, bürokratische Hürden oder Prozesse der Gentrifizierung sorgen für dumpfe Vibrationen in der Magengrube, ähnlich wie die Tunnelbohrer bei den Anwohnern der U-Bahn-Baustellen.

In den letzten zwei, drei Jahren sind sie spürbarer geworden, der Redebedarf der Aktiven in der freien Club- und Veranstalterszene ist gestiegen. Da wäre die Thematik Sicherheit und Fluchtwege: Die hat mittlerweile die Europahalle eingeholt, aber auch Clubs und kleinere Veranstalter sehen sich in letzter Zeit verschärften, teils unverständlichen Auflagen gegenüber, die ihre Events in Gefahr bringen oder gar verhindern. „Deutschlandweit sind die Leute durch die Loveparade sensibilisiert worden“, erklärt Alex Füchsel, clubbetrieb-erfahrener Konzert- und Festivalveranstalter bei „New Noise“.

„Man muss aber die Einzelfälle betrachten und ab und zu mal die Kirche im Dorf lassen.“ Als „nur noch Schikane“ empfindet Hendrik Vogel, der sich um das musikalische Programm im Bento kümmert, wie penibel seit Jahren vor der Café-Bar am Werderplatz kontrolliert wird, dass die Besucher auch bloß keinen Zentimeter zu weit westlich sitzen und den Bebauungsplan von 1986 einhalten – derselbe Uralt-Plan übrigens, der auch Kultur im Rheinhafen verbietet und dem vor einem halben Jahr die dort ansässige Halle 14 zum Opfer fiel. „In dem Bebauungsplan stand auch keine U-Bahn drin, und die kann man jetzt doch auch bauen!“, meint Vogel, der mit der Meinung nicht alleine ist, dass viel kulturelle Energie durch langwierige bürokratische Prozesse verloren geht.

Das Ergebnis ist bekannt: Viele junge Kulturschaffende verlassen Karlsruhe, um sich woanders freier entfalten zu können. Dem will die Stadt ja mit dem Kreativpark Alter Schlachthof samt Kreativen-Gründerzentrum entgegenwirken. Was aber, wenn man mit seinen Ideen dort nicht erwünscht ist? Der Verein Die Anstoß ist beim Kreativbüro K3 am Schlachthof abgeblitzt: „Was wir machen, wurde als naive Idee abgetan“, erzählt Norina Quinte. Die Anstoß (Foto: Igorkzmic.de) setzt sich für mehr Gestaltungsmöglichkeiten junger Kultur „von unten“ ein, initiiert Projekte, möchte Menschen und Ideen vernetzen, verfolgt dabei aber keine kommerziellen Ziele. „Wenn du nicht wirtschaftlich denkst, hast du im Kreativpark nichts zu suchen. Und wenn du es tust, bekommst du deine kleine Zelle, die von oben geplant wird. Eine Stadt kann nicht kreativ funktionieren, wenn es nur einen Raum gibt, der dafür abgesteckt ist.“

Bernhard Vogt, der bis vor kurzem das Dom im Hirschhof gelenkt hat, kritisiert: „Man will Kultur nur dort haben, wo sie einem auch passt. Man will kontrollieren können. Aber wie willst du Kreativität kontrollieren?“ Und Quintes Anstoß-Kollegin Lisa Kuon findet: „Warum sollen alle an den Schlachthof kommen, um Kultur zu konsumieren? Es ist doch schön, dafür auch in der Stadt herumzukommen.“ Neben einer öffentlich zugänglichen Vereinszentrale sucht der Verein gezielt nach Leerständen in der ganzen Stadt, um sie temporär zu nutzen. Mit der Raumnot, die in Karlsruhe für Kulturschaffende herrscht, wollen die zehn Studenten kreativ umgehen – so werden eben private Wohnräume zwischenzeitlich zur Kunstgalerie, wie im August bei „Werders Wohnzimmer“ in der Südstadt, weitere Projekte sind in Planung.

Anstoß-Mitglied Benedikt Stoll studiert Architektur und bemerkt: „Die Mentalität hier tut sich schwer mit der Idee der Zwischennutzung.“ Dabei lebt (Off-)Kultur doch gerade von der Dynamik, dem Temporären, wie auch Hendrik Vogel findet. „Aber wie kommt man an diese Orte ran? Kann die Stadt nicht Örtlichkeiten für sowas öffnen?“ Am Schlachthof hat es neulich für ihn und Gleichgesinnte funktioniert – in der Fettschmelze finden nicht nur die Büros junger Kreativer ihren Platz, sondern auch Ausstellungen und Clubnächte statt. „Toll, dass wir die Fettschmelze bekommen haben!“, freut sich Vogel, der Karlsruhe dort regelmäßig mit Bookings von außerhalb befruchten will. „Das ist ja auch Werbung nach außen für die Stadt.“ Aber zugleich ärgert er sich über kleinliche Auflagen und findet, dass Institutionen wie Ordnungs- und Kulturamt besser miteinander kommunizieren könnten.

Die steigenden Mieten auf dem Schlachthof sieht er, wie andere, kritisch („Da ist viel Spirit verloren gegangen“) – der Artikel dazu auf der Website des Wirtschaftsmagazins „Brand eins“ gehört derzeit zum Kanon der jungen Kulturszene. Die muss gerade einen kräftezehrenden Spagat hinlegen: Einerseits sind da Idealismus und Ideenreichtum, andererseits gleichzeitig ein gewachsener Hügel an Schwierigkeiten als Klotz am Bein. Es gibt noch viel zu erwähnen: Besucherrückgänge in Clubs durch die Baustellensituation, ein verändertes Ausgehverhalten („Die Leute kommen später, haben schon mehr getrunken und geben weniger Geld im Club aus“, so Alex Füchsel), laut einiger Macher auch eine gesunkene Wertschätzung für die Musik beim Ausgehen generell, Schwierigkeiten bei der Plakatierung für nicht geförderte Clubs, gefühlte Ungleichbehandlung auch in anderen Punkten (Genehmigungen etc.) und so weiter.

Trotzdem und gerade deshalb haben die Macher genug Wünsche und Vorschläge: „Was Karlsruhe braucht, ist eine Location, in der jeder was machen kann – unabhängig von Vereinsstrukturen“, meint Bernhard Vogt. „Platz ist genug da. Die Stadt muss einfach offener sein und zulassen. Es geht auch gar nicht drum, Geld zu bekommen.“ Hendrik Vogel wünscht sich, dass die Kreativen sich eingeladener fühlen, etwas zu machen: „Es wäre schön, wenn man auf die Leute zugehen und nicht blockieren würde.“ „Ich wünsche mir eine Regentschaft, die nicht von den Bedürfnissen ausgeht, die man sich oben ausdenkt“, formuliert Lisa Kuon ihr Anliegen, „sondern ein demokratisches Zusammenleben, in dem alle gefragt werden.“

Norina Quinte schiebt nach: „Eine Stadt, in der der Bürger mehr darf, auch wenn er sich gar keinen Profit erhofft.“ Auch bezahlbare Mieten für junge Kreative ohne viel Geld sind für sie essentiell. Ihr Vereinskollege Benedikt Stoll wünscht sich, „dass man die Kreativen ernster nimmt.“ Und für Hendrik Vogel gehört auch eine lebendige Bar- und Cafékultur zu einem urbanen Umfeld, in dem Ideen und Energie keimen. Da könnte für ihn noch mehr Lebensqualität entstehen: „Man braucht eine gewisse Atmosphäre in einer Stadt. Das muss Hand in Hand mit Architektonischem wie dem U-Bahn-Bau gehen.“ Man kann von Stadtoberen nicht verlangen, etwa Kenner der Clubszene zu sein. Ein offenes Ohr, das kann man sich aber wünschen, ja, auch mal fordern. Denn auch die leiseren Baustellen machen Geräusche, die gehört werden wollen.

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