Das Fest 2015

Popkultur // Artikel vom 14.07.2015

Für eine dicke Überraschung war das vergleichsweise unspektakuläre Hauptbühnenprogramm der 31. Ausgabe von Karlsruhes 70-Prozent-umsonst-und-draußen-Event dann doch noch gut.

Den frühesten Ausverkauf der „Fest“-Geschichte. Bereits Anfang April gab es keine Karten mehr für den Samstag, Ende Mai war der Freitag voll und einen Monat bevor Heisskalt, Thees Uhlmann und Clueso (Fr), Selig, Subways und Kooks (Sa), Fish, Annenmaykantereit und Pauls kleiner Bruder Fritz Kalkbrenner (So), der nach seinen Gigs bei „Rock am Ring“ und „Rock im Park“ als letzter Headliner bekanntgegeben werden durfte, am Mount Klotz auftreten, sind alle 135.000 Tickets abgegriffen. Ein bisschen wünschte man sich, dass der Grund für die an den Tag gelegte Risikoarmut allein im Gebietsschutz der Konzertagenturen begründet liegt, die dem einstigen „Rheinkultur“-Organisator und heutigen „Fest“-Hauptbühnen-Booker Holger Jan Schmidt und seinen Kollegen das Leben zusehends schwerer machen. Den Geschmack des Zielpublikums hat er aber ganz offensichtlich getroffen. Wem das alles zu viel Bohei ist, der weicht vom 24. bis 26.7. kurzerhand auf die drei kostenlosen Bühnen nebst Sportpark aus oder flüchtet zum dieses Jahr einen Tag früher startenden „Vor-Fest“ (Fr-Do, 17.-23.7., siehe separater Text), das von Mal zu Mal mehr Puristen vor der Cafébühne versammelt. Hierbei werden am Infostand die letzten allein für das „Klassikfrühstück“ (So, 10 Uhr) mit dem KIT-Konzertchor und der Badischen Staatskapelle gültigen Fünf-Euro-Zusatztickets verkauft.

Die Feldbühne
Auf musikalische Entdeckungstour geht es noch am ehesten an der bis 2012 als Zeltbühne geläufigen Feldbühne, die in diesem Jahr ihr 20. Jubiläum feiert. Hier rappen am traditionell hip-hop-lastigen Freitag u.a. Curlyman (20 Uhr), der bis zur Rückkehr zu seinen Boom-Bap-Rap-Roots als Moc bekannte Frontmann von Le Grand Uff Zaque, und Frankfurts Bordsteinkönig Azad (22.30 Uhr). Das seit kurzem mit Debüt-EP ausgestattete Karlsruher Folk’n’Blues-Quintett Sea Time (Sa, 14 Uhr) kennt man nicht zuletzt von ihren „Sundays Sessions“ im Scruffy’s und richtig interessant wird’s bei dem über das ETEP-Bandaustauschprogramm verpflichteten Trio: Die Belgier Raketkanon (Sa, 20.15 Uhr) lavieren mit tieftönenden Gitarren, deformierten Vocals und dronigen Bassläufen zwischen Sludge und Hardcore. Ebenso exaltiert wie ihre südafrikanische Frontfrau Catarina Aimée Dahms aka Cata Pirata sind Skip & Die (Sa, 22.15 Uhr) aus Holland, deren perkussiv-elektronischer Sound vom Hip-Hop, Afrika-Rhythmen und experimentellen Samples beeinflusst ist, während das österreichische Künstlerkollektiv Gods (So, 21.30 Uhr) in alternativen Synth-Pop-Klangstrukturgefilden herumexperimentiert.

Die Kulturbühne
Im Kinder- und Kulturbereich nahe des Anna-Walch-Hauses steht die Kulturbühne, deren Programm von Varieté und Kleinkunst über Tanz, Theater und Comedy bis zum Zirkus-Entertainment reicht. Empfehlungen gehen an Musikkabarettistin Mademoiselle Mirabelles (Sa, 18 Uhr) „Vieles und davon reichlisch“ und die auf ihrer „Rallye zum Südpol“ beim „Fest“ rastenden ebenso pseudofranzösischen Straßenclowns Jacques et Omelette (So, 15 Uhr). Die Literarische Gesellschaft präsentiert ihr „Spoken Word-Spektakel“ (Sa, 16.30 Uhr), dargereicht u.a. unter anderem von Meike Harms, der bayerischen Landesmeisterin im Poetry Slam, und dem Schweizer Meister Valerio Moser. Und als heißeste Newcomertruppe gilt das 2014 mit dem „Nightwash Talent Award“ ausgezeichnete Comedy Red Pack (So, 19 Uhr) Andreas Weber, Johnny Armstrong und Lena Liebkind. Die Show „Berlin-Varieté“ (Fr+Sa, 20.30 Uhr) jongliert dagegen fürs Erste letztmalig auf der Kulturbühne mit Witz und Wort, Artistik und Zauberei. Außerdem hat Patricia Wolf wieder Tanzkompanien dazu eingeladen, bei „Summer Dance@Das Fest“ (So, 20.30 Uhr) kurze Stücke von Tanztheater bis Modern Dance zu performen: Angekündigt sind neue Choreografien von Jessica Gradito (Baden-Baden) und Sarah Kiesecker (Karlsruhe), die sich durch ihre Formation Jazzaret einen Namen gemacht hat, dazu kommen Sarah Herr und Meret Rufener (Bern) mit dem New-Dance-Duett „Hand haben“ sowie Sabine Karb und Sylvia Weikert (München), die das Tanztheater-Duett „Wrgsgrf“ vorführen. Ausgebaut wurde das Programm für Kinder, die auf der Kulturbühne so einige Alternativen zum Mobi-Rummelplatz (Fr+Sa 15-20 Uhr; So 10-20 Uhr) geboten bekommen: etwa die Mitmach-Tanz-Veranstaltung „Rock den Rasen“ (Sa, 13 Uhr; So, 12 Uhr), das auch Erwachsene belustigende Varieté Flaxxini (Sa, 14 Uhr; So, 13 Uhr) oder die Kollektivvorstellung von Miks aus Krasnodar und dem hiesigen Jugendzirkus Maccaroni (So, 17.30 Uhr). Dazu spielt Flamme e Fabulee seine Liebesgeschichte „Die Eisfee und der Feuertroll“ (Sa, 15 Uhr; So, 14 Uhr) sowie das Stelzenmärchen „Die Sonnenfee und der Grommeltroll“ (Sa, 19 Uhr; So, 17 Uhr). Bricht schließlich die Dunkelheit über der Günther-Klotz-Anlage herein, lassen Maitre Flamme alias Raimo Adler und Madame Fabulee alias Antje Sinöwe Wewezer ihre Feuershow (Sa+So, 22.30 Uhr) sehen.

Der Sportpark
Zum kostenlosen Programmteil gehört auch der Sportpark rund um die Europahalle, wo Amateur- wie Profi-Skater und -BMXer auf der neun Meter breiten und 18 Meter langen Minirampe beim elften „Fest Cup“ ihre Besten küren und mit Pokalen sowie Sach- und Geldpreisen auszeichnen. Fester Bestandteil ist dabei die Longboard-Area: Hier wagen Anfänger ihre ersten Steps auf dem Rollbrett, während die Fortgeschrittenen beim Slide- und Trickworkshop an den Skills feilen oder sich über die neueste Hardware austauschen. Anmelden für die kostenlosen Workshops (Fr, 15-20 Uhr; Sa 14-20 Uhr; So 10-19 Uhr) kann man sich vor Ort. Auf dem Streetball Court wird beim 3 x 3 u.a. der „School Cup“ (Sa, 11 Uhr) sowie die Uni-Liga-Finalrunde (Fr, 16 Uhr) der acht besten Streetballteams ausgespielt. Und wer an seiner Basketballtechnik arbeiten möchte, holt sich bei den Spielern der KIT SC Gequos Tipps und Kniffe. Zum bunten Sportpark-Bild gehören ebenso Graffiti und Streetart: Namhafte regionale Sprayer wie Ceon und Sure (Sa, 15 Uhr) verzieren die aufgestellten Wände, dazu gibt es einen Graffitiworkshop (Fr, 15 Uhr, 15 Euro, Online-Anmeldung erforderlich), der von den theoretischen Blöcken Geschichte, Rechtsbelehrung und Materialkunde zur Praxis übergeht, sowie einen kostenlosen Skizzenworkshop (So, 15 Uhr). Ein Spaß für kleine wie junggebliebene „Fest“-Besucher ist das in den drei Altersgruppen Küken (4-9 Jahre), Junioren (10-15 Jahre) und Altmeister (ab 16 Jahre) startende „Bobby Train Wettrennen“ (Sa, 13 Uhr; So, 12 Uhr). Gewonnen hat, wer den Parcours auf dem Rutschauto-ICE in der kürzesten Zeit umrundet. Auch musikalisch gibt der Sportpark etwas her: DJ Ketch bespielt die „Skateboard & BMX Miniramp Challenge“; bei der „Unikat Fashion Meets Beats“-Party (Fr, 20 Uhr) legt er seine Urban Mixed Music dann vor dem Europabad auf, während in der Rampe der „Best Trick Contest“ steigt. Außerdem gibt’s noch feins­ten Deep und Detroit House von Mojay & Simpson (Sa, 20 Uhr).

Die DJ-Bühne
Auf dem Grund des abgelassenen Modellbootsees kommt alljährlich die DJ-Bühne zum Vorschein. Der Auftakt mit „Mashody“-Gewinner Jovanni Cimino aka Choco Loco (Fr, 18 Uhr) gibt den dominierenden Techno-Ton vor. Manic (Fr, 22 Uhr) zählt zu den Pionieren der lokalen Szene; in dieselbe House-Kerbe hauen der Straßburger Chill Willemann (Sa, 20.30 Uhr), Gotec-Resident DJ Mio (Fr, 21 Uhr) mit seinem melodiösen Deep und Tech House und Nivivo (Sa, 23 Uhr) von Nektarberlin. Eine Plattentasche voll Funk, Disco, Hip-Hop und House bringt Roman Mühlschlegel (Fr, 20 Uhr), Betreiber des Karlsruher Labels Soul Estate, mit; Martin Telemann (Fr, 19 Uhr) kennt man durch die Stadtmitte-Party-Reihe „Bass Is Boss“ und DJ Soulfood (Fr, 23 Uhr) sorgt mit seiner „Tieftontherapie“ im Vanguarde gerade für frischen Wind im Karlsruher Clubleben, das die mit Doc Smith an Deck stehende Miss Minimilk (Sa, 21.30 Uhr) schon seit Jahren fest im Griff hat. Seltener zu sehen bekommt man Dex Dexta (Sa, 18 Uhr), einen der beliebtesten Funk-, Disco- und Breakbeat-DJs im süddeutschen Raum. Und mit dem aus Jürgen Graf und Christian Nainggolan aka Lego bestehenden Duo Yokto (So, 20 Uhr) sowie Thomas Herb (So, 21.30 Uhr) ist auch das eben noch im KA300-Pavillon 20-Jähriges feiernde Münchner Label Compost Records auf der DJ-Bühne vertreten.

Das Kreativdorf
Neu ist das im Biergarten beim Aktivspielplatz angesiedelt Kreativdorf (Fr, 15 Uhr; Sa, 12 Uhr; So, 11 Uhr), dessen Angebot von Hüten aus recycelten Kaffeesäcken über ayurvedischen Schmuck, kleidsame Wickelröcke und Gürtel aus Fahrradschläuchen bis hin zu filigranen Glasarbeiten und marokkanischer Keramik reicht. Die Dorf-Besucher können aber auch selbst kreativ werden: Ob trendiger Federschmuck fürs Haar, Henna-Bemalungen oder Traumfänger – in Workshops wird gezeigt, wie’s geht!

Die After-Fest-Partys
Wer nach „Fest“-Schluss noch nicht genug auf die Ohren bekommen hat, feiert in der City weiter: Reposit Records hängt sich mit „Rap im Radio“ (Fr, 23 Uhr, Bar Oriente) und den Live-Acts Erabi & Signer, Schote und Curlymen sowie DJ Paka an die Feldbühne dran und weitet die DJ-Bühne mit dem housigen „Braintheater“ (Fr, Vanguarde mit Magena und Fait du Prince; Sa, Bar Oriente mit Van Gere, Bruder Jakob und Fait du Prince, 23 Uhr) aus. Gewohnt brechend voll wird’s bei Zapata Soundz’letzter „More Fire!“-Reggae- und Dancehall-Party (Sa, 23 Uhr, Rock & Rollbar) vor der dreimonatigen Sommerpause. -pat

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