ARD Hörspieltage 2007

Bühne & Klassik // Artikel vom 07.11.2007

Am Hörspiel lässt sich beispielhaft zeigen, wie sich durch eine vergleichsweise geringe, aber konzentrierte Förderung ein ganzes Kunst-Genre nicht nur am Leben halten, sondern in eine ungeahnte Blüte führen lässt.

Sprecher, Autoren, aber gerade auch Musiker aus Avantgarde oder Elektronik finden hier ein kreatives Betätigungsfeld, das Verlage durch Hörbücher gerne potenzieren: Das Hörspiel „Der Zauberberg“ wurde zum Beispiel 30.000 Mal verkauft, aber auch Liebhaberstücker wie „Der Mann ohne Eigenschaften-Remix“  gingen bei einem Stückpreis von 149 Euro bislang 1400 Mal über den Ladentisch. Wer Autoren, Musiker, Sprecher oder  Schauspieler relaxt und hautnah erleben möchte, hat dazu auch dieses Jahr noch einmal im ZKM Gelegenheit. Bevor die beeindruckende Schau dann 2008 weiterzieht...
Hören ist angesagt. Im Trend liegen nicht nur Hörbücher, deren Anzahl ständig wächst, auch Hörspiele sind gefragt. Ob während langer Autofahrten, beim Joggen oder zu Hause auf dem Sofa, manch einer lässt sich einfach gerne vorlesen – vor allem, wenn die Story dann sogar inszeniert und atmosphärisch dicht aufbereitet ist.

SWR-Hörspielleiter Ekkehard Skorup­pa bestätigt die positiven Prognosen: „Seit Gründung der ARD Hörspieltage sind erst drei Jahre vergangen, doch das Festival ist bereits eine der bedeutendsten Hörspielveranstaltungen in Deutschland. Für mich kein Wunder: Denn Hörspiele erleben derzeit eine deutliche Renaissance. Besonders erfreulich: Der Zuwachs an jungen Hörern. Wortstrecken sind vermehrt gefragt. In Hörstücken kann man die eigene Phantasie spielen lassen.“

Hören, Staunen und Mitmachen steht bei den diesjährigen Hör­spieltagen im Vor­dergrund. Zum zwei­ten Mal findet das große Festival in Karlsruhe im ZKM und in der HfG statt. Das Powerprogramm ist so umfangreich, dass man sich am besten wirklich alle Tage von morgens bis abends frei hält, um nichts zu verpassen. Letztes Jahr besuchten über 6000 Gäste die Hörspieltage! Und ganz ehrlich: es hat einfach total Laune gemacht, im Blauen Kubus zu sitzen, den rund einstündigen Hörspielen zu lauschen und hinterher die Jurydiskussion zu verfolgen. Experten sprachen mit den Radiomachern über die Stücke, deren Produktion und darüber, wie sie bei ihnen ankamen. Preise gab’s auch jede Menge. 2006 erzielte  „Entweder bin ich irr oder die Welt“ von Matthias Baxmann nach Tagebuchnotizen des Theatermenschen Einar Schleef einen Doppelsieg: Publikum wie fünfköpfige Fachjury unter Vorsitz der ehemaligen Kulturstaatsministerin Christina Weiss waren beeindruckt und gaben dem Hörspiel die meisten Stimmen.

Auch dieses Jahr konkurrieren wieder die zehn bes­ten Produktionen aus allen Landes­rundfunkanstalten um den ARD Hör­spielpreis. Die Wettbewerbsstücke können gemeinsam öffentlich gehört werden, danach diskutiert wieder die Jury in der gleichen Besetzung wie im vergangenen Jahr. Die Preisverleihung erfolgt am Samstagabend umrahmt von Balkan Beat der Gruppe Äl Jawala. Interessierte Zuhörer können über dieselben Stücke im Internet abstimmen und den Publikumspreis, den ARD Online Award, vergeben. Ab 24. Oktober stehen die zehn Wettbewerbsstücke bereits im Netz – anklicken, anhören und abstimmen unter www.radio.ARD.de.

Gespannt sein darf man auf die Radiobearbeitung des hochgelobten und vieldiskutierten Krimis von Andrea Maria Schenkel, „Tannöd“. Die 44-jährige Autorin behandelt in ihrem Debutroman einen auf Tatsachen beruhenden, ungeklärten Mordfall in einem bayerischen Dorf. Ein Journalist klagte sie des Plagiats an, sie habe Passagen aus zwei Sachbüchern, die den Mord ebenfalls untersuchten, fast wörtlich übernommen. Der Vorwurf wurde jedoch mit Bezug auf künstlerische Freiheit abgeschmettert. Für „Tannöd“ hagelte es haufenweise gute Kritiken. Bei dieser Vorlage kann somit kaum etwas schief gehen! Mit Joseph Roths „Die Legende vom Heiligen Trinker“ ist auch ein „Klassiker“ unter den Wettbewerbsstücken, besonders interessant ist hierbei die deutsch-französische Bearbeitung. Alle weiteren Stücke sind am Puls der Zeit, von jungen Autoren verfasst, behandeln aktuelle Themen wie beispielsweise „Betriebsbedingt gekündigt“ des in Schottland von deutschen Eltern geborenen Iain Levison, der Jobsuche und Arbeitslosigkeit am eigenen Leib erfuhr.

Auch der junge Sprayer Alex aus dem Hörspiel „Graffiti Hero“ hat’s nicht leicht, ihm steht eine schwierige Herzoperation bevor. Der 1974 in Halle geborene Autor Christian Schiller schlägt hier einen offenen, jugendlichen Ton an, von „Denglisch“ bis Umgangssprache, so wie ihm der Schnabel gewachsen ist. Poetischer formuliert der Hausautor des Wiener Burgtheaters: Albert Ostermaier, 1967 in München geboren, ließ sich für seinen neuen Gedichtzyklus „Polar“ vom  französischen „film policier“ inspirieren. Es geht um endloses Warten im Regen, das Rauchen einer Zigarette, Freundschaft und Verrat. Wie aber kann man solche Atmosphären rein durch Akustik transportieren? „Wenn die Sprecher sich nicht recht einstimmen können in ihrem schalltoten Studio, dann spiele ich ihnen schon mal ein Regengeräusch auf den Kopfhörer.

Man spricht schließ­lich ganz an­ders draußen bei Regen als drinnen im Wohnzimmer“, erklärt Regisseurin Judith Lorentz. Die 33-jährige Berlinerin hat beim SWR ein Regievolontariat speziell für den Hörfunk absolviert. Inzwischen arbeitet sie für verschiedene Rundfunkanstalten als freie Hörspielregisseurin. „Geräusche“, erklärt Lorentz, „spielen bei diesen Inszenierungen eine große Rolle. Sie werden hauptsächlich im Studio produziert. Wir haben unendlich viele Fassungen von Türquietschen oder Windrauschen archiviert.“ Zu ihren schwierigsten Aufgaben gehört es, die richtige Sprecherstimme zu finden. Dafür verwendet Lorentz viel Zeit, sie kennt jede Menge Schauspieler und hat unzählige „Stimmproben“ auf Bändern, in die sie immer wieder reinhört. Sobald die junge Mutter ein Manuskript gelesen hat, macht sie sich darüber Gedanken, wer welche Rolle sprechen könnte. Soll es eine kratzige, liebliche oder eher raue, ja gemeine Stimme sein? Sind die Würfel gefallen, dann macht sie sich an die zweiwöchige Studioproduktion, täglich werden etwa zehn Manuskriptseiten im Viererteam gemischt.

Die im schalldichten Studio aufgenommenen Sprechpartien werden nachträglich mit Atmosphäre unterlegt. „Wir nehmen selten draußen auf, man kann Versprecher nicht rausschneiden, die Nebengeräusche sind oft hinderlich und einzelne Partien sind schwer austauschbar“, begründet Lorentz die Studioarbeit. Hier nutzt sie ein großes Archiv mit alten Bändern, auf denen Geräusche produziert wurden. Selten muss sie selbst ein Geräusch neu aufnehmen. Neulich brauchte sie einen Ziehbrunnen, den hat sie sich aus dem Fernseharchiv geliehen, ins Studio gestellt und dessen rollendes Tackern aufgenommen.

Manche Comiclaute oder ein überdimensionales Abstempeln habe sie ebenfalls frisch produziert, erinnert sich die Regisseurin. Für die ARD Hörspieltage inszenierte sie den Kinderbuchklassiker „Der Krieg der Knöpfe“ – denn der Sonntag steht ganz im Zeichen der Kinder. Nach der Eröffnung um 10 Uhr werden Live-Aktionen und Workshops geboten sowie unterschiedliche Kinderhörspiele vorgeführt. Keine Angst, die jungen Zuhörer müssen nicht eine Stunde lang ruhig auf Stühlen sitzen, sondern können auf Knautschkissen lümmeln. Wer will, darf auch liegend oder im Schneidersitz die spannenden Storys verfolgen.

Höhepunkt des Familientages ist die Live-Aufführung des Orchesterhörspiels „Der Krieg der Knöpfe“. Dieses arbeitet nicht mit eingespielten Geräuschen, vielmehr wird alles musikalisch miterzählt. Neben drei Schauspielern steht ein großes Orchester mit 50 Instrumenten parat, um den Kampf der rivalisierenden Jungs akustisch umzusetzen. „Wir haben uns dabei an „Peter und der Wolf“ orientiert“, verrät die Macherin Judith Lorentz. Bereits im vergangen Jahr hat sie gemeinsam mit dem Komponisten Henrik Albrecht „Das Gespenst von Canterville“ inszeniert, und zwar mit riesigem Erfolg. Zahlreiche begeisterte Kinder verfolgten in den Lichthöfen der HfG das lustige Spektakel um das arme Schlossgespenst, das kaum mehr jemandem das Fürchten lehrt. Es empfiehlt sich also, rechtzeitig da zu sein!

Sowohl für Kinder als auch für Erwachsene gibt es eine breite Palette an Workshop-Angeboten, unter anderem geht es um Sounds, Mundart oder Krimis. Anmeldungen können per E-Mail an hoerspieltage@swr.de erfolgen.
An die freie Hörspielszene richtet sich der Kurzhörspielwettbewerb „Premiere im Netz“. Ab dem 1.10. stehen elf nominierte Stücke im Internet, über die in einem Forum diskutiert werden kann. Am Sa, 10.11. wird das Gewinnerstück präsentiert und der mit einem Pro­duktionsstipendium dotierte Preis vergeben. Vor einem Jahr waren dabei teils pfiffige, teils seltsam schräge Sachen zu hören. Das Rennen machte damals die 37-jährige Naomi Schenck mit ihrem philosophischen „Rätsel des Schafes“. Auch vor Ort im ZKM kann man während der Hörspieltage die frisch nominierten Stücke an Computern hören und kommentieren.

Bis auf ein Highlight sind alle Programmpunkte kostenlos. In die Tasche greifen muss man lediglich für die bissigen Äußerungen von Gerhard Polt, der in epischen Monologen „kleinbürgerliche Gedankenlosigkeit“ entblößt, während ihn die „Biermösl Blosn“ mit subversiven Jodlern dabei unterstützen. Seit 25 Jahren tritt Polt gemeinsam mit den drei „Biermöslern“ Christoph, Michael und Hans Well auf und strapaziert Hirn- wie Lachmuskeln auf einzigartige Weise. Der satirisch-musikalische Auftritt beginnt am Freitag, 9.11. um 21 Uhr, danach gibt’s Party satt, denn die Mood Lounge verlegt mit Gastgeber DJ Shahrokh Dini ihr Wohnzimmer ins ZKM.

Erstmals wird während des Festivals eine „Hörspielbahn“ täglich vier Stunden lang durch die Stadt kreisen. Wer will, kann kos­tenlos an jeder Haltestelle einsteigen, eine Weile mitfahren, zuhören und sich diesem Erlebnis hingeben. Aussteigen sollte man spätestens am ZKM, denn da geht es live und bunt weiter. Ebenfalls neu ist das „Frageforum“, kurze Publikumsgespräche auf dem Musikbalkon mit unterschiedlichen Produktionsteilnehmern. Hier können interessierte Zuhörer Experten nach Herzenslust ausquetschen. Ab dem 24.10. stehen bereits die Wettbewerbsstücke zum Anhören und Abstimmen im Netz. Dank Podcast und neuen Medien haben auch „Zuspätkommer“ kein Problem mehr: Verpasste Hörspiele können per Mausklick nachgehört werden. Das Programm als Übersicht in INKA oder unter www.radio.ARD.de im Internet.

Mittwoch, 7.11.

8.30 Uhr, Ich war ein Affenkind, Osborn Bladini, Kinderhörspiel ab 10 Jahren
Ein Eisbär ist kein Pinguin, James Krüss, Kinderhörspiel ab 5 Jahren
10-12.30 Uhr, 13.30-16 Uhr, Hörspiel­workshops
10.30 Uhr, Isabellas Welt, Christian Oelemann, Kinderhörspiel ab 7 Jahren
18 Uhr, ZKM Foyer Eröffnung
19 Uhr, Wettbewerbsstücke mit Jurydis­kussion, Polar von Albert Ostermaier, Musik: Hans Platzgumer
21 Uhr, Das Hörspiel von Mongopolis, von Gisela Höhne
22.30-23.30 Uhr, Konzert mit den Talking Horns

Donnerstag, 8.11.

8.30 Uhr, Die Katze oder Wie ich die Ewigkeit verloren habe, von Jutta Richter, Kinderhörspiel ab 7 Jahren
9.30 Uhr, Die Wölfe in den Wänden, von Neil Gaiman, Kinderhörspiel ab 8 Jahren
10-12 Uhr, 13.30-16 Uhr, Hörspielworkshops
10-15 Uhr, ZKM Kubus, Krimiworkshop
10.30 Uhr, Die Geschichte vom Edelsteinkäfer, Carlo Schindhelm, Kinderhörspiel ab 7 Jahren
15.20-16.20 Uhr, Der Krimi im Hörspiel
16.30 Uhr, Wettbewerbsstück mit Jurydiskussion
Graffiti Hero von Christian Schiller, Musik: Matthias Zähler
18.30-20 Uhr, ARD radioTATORT
20.30 Uhr, Wettbewerbsstück mit Jurydiskussion
Eigentum am Lebenslauf. Das Gesamte im Werk des Alexander Kluge, von Andreas Ammer, Musik: Console/Martin Gretschmann
22-23 Uhr, SWR2 Dschungel: Manga, Comic, Comedy und Radionovela
22-23 Uhr, Hörspiel als Kammeroper - Live
Libretto: Silke Scheuermann, Komposition und Realisation: Cathy Milliken / Dietmar Wiesner. Mit Vokalensemble der HfMDK Frankfurt, Contemporary String Quartett Frankfurt, Schlagzeug sowie dem Countertenor Daniel Gloger und den Schauspielern Chris Pichler und Markus Meyer.

Freitag, 9.11.

8.30 Uhr, Big Jump oder Charlotte träumt, Wolfgang Zander, Kinderhörspiel ab 8 Jahren
10-15.30 Uhr, Sound-Workshop
13.30-16 Uhr, Studio Karlsruhe, Hörspielworkshops
10.30 Uhr, Der Zauberlehrling, Rainer Gussek, Kinderhörspiel ab 7 Jahren
15-19 Uhr, Workshop DASDING Teil I, ab 16 Jahren
Wettbewerbsstücke mit Jurydiskussion:
15.30 Uhr, Betriebsbedingt gekündigt, Iain Levison
17 Uhr, Dieses Kind, von Joël Pommerat
19 Uhr, Walk of Fame, von Ulrich Bassenge
17-20 Uhr, Leben2go – Performance von Serotonin
21-23 Uhr, HfG: Gerhard Polt und Biermösl Blosn
22-24 Uhr, ZKM Medientheater, Party mit DJ Shah–rokh Dini: Jazz, Funk, House

Samstag, 10.11.

10-12.30 Uhr, 13.30-16 Uhr, Studio Karlsruhe, Hör­spiel­workshops
10-18 Uhr, Workshop DASDING Teil II
11 Uhr, Wettbewerbsstücke mit Jurydiskussion
Enigma Emmy Göring, von Werner Fritsch
14 Uhr, Die Legende vom Heiligen Trinker, von Joseph Roth
16 Uhr, Tannöd, von Andrea Maria Schenkel
18-18.45 Uhr, Konzert mit Ensemble Ascolta
19-20 Uhr, Diskussion Hörspiel + Zuhören = Hörkul–tur?
20-21.20 Uhr, Klangdom, Raumklangerlebnisse
21.30-22.30 Uhr, ZKM Medientheater, Preisverleihung ARD Hörspielpreis, ARD Online Award und Award für die freie Szene Premiere im Netz. Moderation: Evi Seibert, anschließend Konzert mit Äl Jawala

Sonntag, 11.11.

10-18 Uhr, ARD Kinderhörspieltag, Kinderhörspiele, Live-Aktionen, Workshops, Clown Schorsch, Orchesterhörspiel „Der Krieg der Knöpfe“
11.30 Uhr, Preisverleihung Deutscher Kinderhörspiel–preis und Kinderhörspielpreis der Stadt Karlsruhe

Zurück

Einen Kommentar schreiben

Bitte addieren Sie 4 und 1.

WEITERE BÜHNE & KLASSIK-ARTIKEL