Frédéric Bußmann über die Kunsthalle Karlsruhe

Kunst & Ausstellungen // Artikel vom 01.10.2023

Frédéric Bußmann (Foto: Mark Frost, Chemnitz)

„Das ist die große Stärke von Kunst. Dass sie im Grunde genommen zeitüberspannend ist.“

Seit Anfang August ist Frédéric Bußmann der neue Direktor der Kunsthalle Karlsruhe, deren Sammlung aufgrund der langen Sanierung in Wechselausstellungen im ZKM gezeigt wird. Zuvor leitete Bußmann die Kunstsammlungen in Chemnitz. Sabine Adler und Roger Waltz sprachen mit dem Kunsthistoriker über seine Pläne für Karlsruhe.

INKA: Wie waren die ersten vier Wochen als neuer Direktor der Kunsthalle Karlsruhe?
Frédéric Bußmann: Aufregend und sehr positiv, was vor allem daran lag, dass ich sehr freundlich aufgenommen wurde. Zum einen vom Team, das sehr offen ist und sich auf den Neubeginn freut. Zum anderen ist die Stadt aber auch sehr freundlich und offen. Ich kenne vieles noch nicht, freue mich aber darauf, das alles zu entdecken. Und ich habe den Eindruck, dass Karlsruhe einfach eine Stadt ist, in der man gut und gerne leben kann.

INKA: Welche Chancen sehen Sie in Karlsruhe?
Bußmann: Erst mal die unglaubliche Dichte an Wissenschaft, Kunst und Kultur sowie ein Publikum, das Lust zum Entdecken hat und offen für neue Dinge ist. Es gibt außerdem eine gute Kunstszene, soweit ich sie bisher kennengelernt habe. Karlsruhe hat zudem ein hohes Standing nach außen, eben auch im Hinblick auf die Kunst. Von daher bin ich sehr glücklich darüber, dass man hier auch viel bewirken kann. Auch die Nähe zu Frankreich ist mir sehr wichtig. Karlsruhe ist eine Stadt, die für ihre Größe doch wirklich ein hohes Maß an Internationalität besitzt. Die Zeit der Sanierung der Kunsthalle, die nun auch schwierig werden wird, hat mich nicht abgeschreckt, sondern sogar gereizt. Zum einen haben wir die Chance, das Museum wieder neu einzurichten und irgendwann auch eine Erweiterung zu denken und umzusetzen. Aber andererseits können wir auch die Phase produktiv nutzen, da sich die Kunsthalle nicht mehr in ihrer Komfortzone befindet, es könnte experimentiert werden, es gibt die Chance für einen Neustart. Ich möchte das angestammte und treue Publikum keinesfalls verlieren. Aber dennoch neue Publika erschließen.

INKA: An wen denken Sie, wenn Sie von neuen Publika sprechen?
Bußmann: Das versuche ich gerade herauszufinden. Wer kommt eigentlich nicht ins Museum? Wir werden mit Steuermitteln finanziert und sind Teil einer kulturellen und künstlerischen Grundversorgung. Daher sollten wir Angebote schaffen und uns Fragen stellen: Wie kommunizieren wir? Welche Themen setzen wir? Warum sprechen wir bestimmte Personen an und andere vielleicht nicht? Diese Fragen gelten prinzipiell für alle Museen. Ich möchte uns etwas diverser aufstellen und mich, bei aller Wertschätzung, nicht allein im Altmeisterlichen bewegen, sondern auch stärker in der Gegenwart.

INKA: Soll im Zuge dessen auch die Junge Kunsthalle stärker bespielt und vor allem auch stärker beworben werden? Viele wissen ja gar nicht, was sich in diesem schönen Gebäude befindet.
Bußmann: In der Jungen Kunsthalle soll wieder mehr Programm gemacht werden für junge Menschen. Ein Standort, den wir vielleicht auch als Brückenkopf in die Stadt nutzen können. Zum anderen haben wir aber auch die Chance, dass wir gerade im ZKM sind und hier über neue Nachbarschaften verfügen mit dem ZKM, der Städtischen Galerie und der HfG, wodurch ein künstlerisches Kraftfeld entsteht, das man in Deutschland in dieser Qualität und Dichte selten findet. Das ist schon etwas Besonderes: Sehr verschiedene Institutionen mit sehr unterschiedlichen Publika, die man ev. auch zum Switchen bewegen könnte. Von unserem jetzigen Standort aus kann man wunderbar schauen, welche Orte wir noch gut bespielen könnten. In Chemnitz ist uns das gut gelungen. Dort haben wir ein Ladenlokal zusammen mit verschiedenen Institutionen, Initiativen und Vereinen bespielt, in dem es nicht nur um Kunst ging, sondern auch um gesellschaftliche Themen und politische Fragestellungen. In denen wir vielleicht auch anderes Publikum erreichen, auf Tuchfühlung gehen können und mit dem Publikum direkt in Austausch kommen. Dbzgl. würde ich gerne mit dem Team gemeinsam überlegen und mit der Stadt gemeinsam schauen, was möglich und sinnvoll sein kann.

INKA: Sie haben vor, das leere Gebäude der Kunsthalle auch während des Umbaus für das Publikum erfahrbar zu machen. Was schwebt Ihnen vor?
Bußmann: Auch hier stehe ich noch am Anfang. Wir beginnen erst mal damit, dass wir im Oktober Führungen durch das leere Gebäude anbieten. Die Kunst ist mittlerweile weitestgehend ausgeräumt und wir wollen im Oktober den interessierten KarlsruherInnen die Möglichkeit geben, mit uns gemeinsam noch mal durch die Räume zu gehen.

INKA: Wie ist der aktuelle Stand im Hinblick auf den Erweiterungsbau?
Bußmann: Ich bin ja erst seit wenigen Wochen da, halte es aber für ganz wichtig, dass wir da dranbleiben. Wenn ein Museum auf zwei Beinen gedacht wird und ein Bein fehlt, dann kippen wir um. Das ist sicherlich eine zentrale Aufgabe der nächsten Jahre, dass wir da weitermachen.

INKA: In einem Interview sagten Sie, dass Sie das, was Sie an der alten Kunst schätzen, in die Gegenwart tragen möchten. Wie kann und wie soll das konkret in Karlsruhe aussehen?
Bußmann: Auch das möchte ich natürlich mit dem Team besprechen. Aber es gibt bestimmte Klischees im Hinblick auf Kunstmuseen, die wir alle im Kopf haben. Ich glaube, dass die meisten, die sich mit Kunst beschäftigen, die Kunst lieben, egal ob sie 800 oder 50 Jahre alt ist. Denn es geht i.d.R. um uns Menschen und um Menschlichkeit. Wie denken wir? Wie sehen wir die Welt? Es kann um Utopien gehen, um große menschliche Fragen, auch um Liebe und Schmerzen, um die Fragen, was das mit uns macht im tiefsten Inneren. Das ist die große Stärke von Kunst, sie bewegt uns. Dass sie im Grunde genommen zeitüberspannend ist. Dass es um Dinge geht, die nicht unbedingt tagesaktuell sind. Dinge, die etwas Essenzielles beinhalten. Und gerade, wenn Sie sich mit der alten Kunst beschäftigen, ist das sowas von tief menschlich – das kann man doch wunderbar mit der Gegenwart verbinden!

INKA: Eine Frage noch zu Chemnitz. Dort wurden Sie Opfer von rechter Gewalt. Wie kann man es sich denn vorstellen, in dieser Stadt zu arbeiten? Wie viel Energie fließt in den Versuch, die extreme Rechtsradikalität abzuwehren?
Bußmann: Ich schätze Sachsen und Chemnitz sehr. Ich hatte da eine wirklich gute Zeit. Es gibt viele Leute, die tolle Ideen haben und sehr engagiert sind. Die Resilienz dort ist auch sehr hoch. Dass man Chemnitz nur auf Neonazis reduziert, stört mich sehr. Es gibt riesige Probleme dort aufgrund der harten Neonaziszene. Sachsen insgesamt hat einen sehr hohen Anteil an rechtspopulistisch bis hin zu rechtsextrem wählenden Menschen. Dbzgl. mache ich mir große Sorgen. Nächstes Jahr ist dort Landtagswahl. Die Umfrageergebnisse der AfD liegen gerade bei über 30 Prozent. Zu Ihrer Frage: Wenn ich in einer Stadt wie Chemnitz Jugendlichen sage, sie sollen keinen Hitlergruß zeigen, dann gehört es zu meinem Selbstverständnis als Bürger und als Museumsmensch, dass man eine Haltung haben und für diese auch einstehen muss. Jeder Mensch muss für sich persönlich abwägen, wie weit er oder sie da gehen will. Ich selbst habe die Situation damals nicht ganz richtig eingeschätzt, da ich dachte, dass die Jugendlichen, die mich dann geschlagen haben, Personen wären, mit denen ich irgendwie reden könnte. Ich finde es wichtig, dass man in seinen Aussagen, seinem Verhalten und seinem Handeln authentisch ist. Das Problem an Chemnitz ist meiner Meinung nach vor allem, dass die Mitte zu leise ist. Die Mehrheit zu wenig hörbar. Aber am Ende sind das alles Fragen, die Sie wohl auch durchaus in Dortmund oder Flensburg finden können. Vielleicht auch in Karlsruhe oder Stuttgart. Die sich dort vielleicht anders artikulieren, andere Problemstellungen haben und anders auftreten. Letztendlich geht es um die Demokratie und Zivilgesellschaft, die wir als Museum stärken müssen. Und dies sehe ich auch für das Museum in Karlsruhe. Und, um auf Ihre Frage zurückzukommen, dass Chemnitz 2025 Kulturhauptstadt wird, stärkt hoffentlich auch die Demokratie und wird die Stadt anderen näherbringen!

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