21. Europäische Kulturtage

Stadtleben // Artikel vom 14.03.2012

Statt auf Metropolen, Regionen oder Epochen fokussieren sich die 21. „Europäischen Kulturtage“ erstmals auf einen einzigen Künstler: den zeitgenössischen Karlsruher Komponisten Wolfgang Rihm.

Der darf am 13.3. seinen 60. Geburtstag feiern, zu dem ihm die Heimatstadt mit einer überdimensionierten Glückwunschkarte gratuliert. „Klingt genial, kommt von hier.“ lautet derzeit der Slogan des XXL-Stadtschilds an der Südtangente.

Viel vor hat auch das großangelegte Festprogramm unter dem (mit Blick aufs Logo auch sinnlich visualisierten) Motto „Musik baut Europa“: Konzentriert auf die drei Themenblöcke Konzert, Theater und Vermittlung haben die Festivalpartner Karlsruher Kulturamt und Badisches Staatstheater in Kooperation mit zahlreichen Kulturinstitutionen wie der Hochschule für Musik, dem ZKM, der Hochschule für Gestaltung, der Städtischen Galerie, dem Badischen Konservatorium, der Literarischen Gesellschaft, den Kantoraten und der Kinemathek einen spartenübergreifenden Spielplan aufgestellt.

66 Ensembles und Institutionen setzen sich in mehr als 80 Veranstaltungen mit dem Oeuvre Rihms auseinander und spannen bei Ausstellungen, Vorträgen, Symposien und Diskussionen, Literatur, Tanz und Film den Bogen von der Bildenden zur Darstellenden Kunst. Welche Glanzpunkte das mit mehreren Uraufführungen gespickte und auch quantitativ rekordverdächtige 220-Seiten-Programmbuch während der drei Festivalwochen zu bieten hat, zeigt unser EKT-Spezial.

Eröffnungswochenende
Zum Auftakt der „Europäischen Kulturtage“ erklingt ein Geburtstagskonzert im Großen Haus des Staatstheaters, mit dem sich Rihm quasi selbst beschenkt. Die Stadt Karlsruhe hat ein Orchesterwerk in Auftrag gegeben, das am Di, 13.3. um 20 Uhr uraufgeführt wird: „Vers une symphonie fleuve VI“. Dazu spielt die 2012 das 350. Jubiläum feiernde Badische Staatskapelle unter Leitung von Generalmusikdirektor Justin Brown. Offiziell eröffnen die „Kulturtage“ dann am Fr, 16.3. um 17 Uhr im Lichthof 3 der HfG mit dem für sechs Schlagzeuger komponierten „Tutuguri VI“. Für die archaisch anmutenden Klänge sorgt Isao Nakamuras Percussion Ensemble, das sich aus aktuellen wie ehemaligen Studenten des Schlagzeugklassenleiters der HfM zusammensetzt. Das radikale Werk, Teil von Rihms gleichnamigen Poème Dansé aus dem Jahr 1981, changiert zwischen Klanglawine und gespannter Stille. Die Stadt beschert dem Eröffnungswochenende mit seinen Auftragsarbeiten „Konzertante Plastiken“ (Fr+So, 16.+18.3., jeweils 20 Uhr) fünf weitere Uraufführungen: Zu hören sind neben den Kompositionen der beiden Rihm-Schüler Rebecca Saunders und Markus Hechtle Werke von Olga Neuwirth, Peter Ruzicka und Pascal Dusapin. Es spielt das HfG-Ensemble Tema mit Studenten der HfM. Bei der „SWR2 Kulturnacht“ am Sa, 17.3. im ZKM-Lichthof 4 wird um 20.30 Uhr das SWR Sinfonieorchester Baden-Baden und Freiburg den Hallenbau zum Klingen bringen. Bereits um 19 Uhr lädt Rihms Haussender zum Gespräch mit Peter Sloterdijk, Ausgangspunkt: „Schreiben und Überschreiben – Wie verlaufen heute Künstlerbiografien?“. Auch die Lehrerpersönlichkeit Rihm und ihre vielfachen Bezüge zu den übrigen Künsten kommen zur Sprache. Und beim „3. Kammerkonzert“ (So, 18.3., 11 Uhr, Staatstheater, Kleines Haus) stimmt die Staatskapelle neben Rihm auch Mozart, Benjamin Britten und Krzysztof Penderecki an. Der Eintritt während des Eröffnungswochenendes im Hallenbau ist mit Ausnahme der „SWR2 Kulturnacht“ frei.

Konzerte
Nahtlos weiter geht es im Konzertprogramm mit „Poesie – Idylle – Gesang“ (Mo, 19.3., 19.30 Uhr, Konzerthaus), Beethovens viertem Klavierkonzert, Rihms „Ernstem Gesang“ und seinen berühmten Wölfli-Liedern, vorgetragen von der Deutschen Radio Philharmonie Saarbrücken Kaiserslautern. „Musik für drei Streicher“ (Mi, 21.3., 19 Uhr) macht das Trio Recherche in der Städtischen Galerie. Dort wird zum zweiten Mal überhaupt „Andere Schatten“ (Do, 22.3., 19 Uhr) aufgeführt; Rihms mit Zitaten und Wortfetzen von Jean Pauls Roman „Siebenkäs” angereicherte musikalische Szene für Soli, gemischten Chor und Orchester aus dem Jahr 1985. Darüber hinaus haben die Kammerphilharmonie Karlsruhe und der KIT Kammerchor die Werke „Kein Firmament“ und „Sphäre um Sphäre“ auf dem Plan. Bei „Vigilia und Israelsbrünnlein“ (Sa, 24.3., 19 Uhr, Ev. Stadtkirche) vereinen Coro Piccolo, das Orchester Camerata 2000 und Solisten unter Leitung von Christian-Markus Raiser den Komponisten Rihm mit Thomaskantor Johann Hermann Schein. Und auch bei der „Johannes Passion“ (So, 1.4., 19 Uhr, Christuskirche) mit dem Karlsruher Bachchor hat der Kirchenmusikdirektor die Oberhand. Eine spannende Wiederbegegnung verspricht die Konzertreihe „A-Musik“ mit kammermusikalischen Werken der vier Rihm-Schüler Rebecca Saunders, Michel Ackermann, Uwe Kremp und Dietrich Eichmann, die sich 1990 mit weiteren Musikern zur Neuen Komponisten Gesellschaft zusammengetan haben. Zu hören sind bei ihrem „Blick zurück nach vorn“ (So, 25.3., 19 Uhr, Kulturzentrum Tempel) auch Stücke aus der Zeit vor der Gründung und nach der Auflösung der Künstlergruppe. Das „Kammerkonzert Extra 1“ (So, 25.3., 20 Uhr, Staatstheater, Großes Haus) umrahmt Rihms „Fremde Szenen“ für Klaviertrio; das Ensemble Sorpresa stellt ihn mit seinem Lehrer Eugen Werner Velte in einen musikalischen „Dialog“ (Fr, 30.3., 18.30 Uhr, Städtische Galerie). „Für die Orgel geschrieben“ (So, 1.4., 11.30 Uhr, Ev. Stadtkirche) hat dessen Schüler schon seit Jahrzehnten nicht mehr, obwohl Rihm dem Instrument in jungen Jahren durchaus verbunden war. Für Christuskirchen-Organist Carsten Wiebusch und die Klais-Orgel greift er wieder in die Tasten. Aus Rihms Gesamtwerk heben sich vor allem die Klavierstücke besonders hervor. Musikwissenschaftler Rudolf Frisius und Pianist Florian Steininger geben beim Gesprächskonzert „Am Klavier erfunden – für das Klavier geschrieben“ (So, 1.4., 11 Uhr, VHS) einen Einblick in die Welt der vermeintlich so schwer zugänglichen modernen Musik. Noch mehr davon gibt es bei „Nachtklänge 2 – Ausgezeichnet“ (Do, 5.4., 22 Uhr), einem Wandelkonzert in verschiedenen Räumen des Staatstheaters, wo Mitglieder der Badischen Staatskapelle ausgewählte Stipendiaten vorspielen lassen. Unter dem verheißungsvollen Untertitel „Anklang“ (Fr, 6.7., 21 Uhr, Insel) steht das dritte „Nachtklänge“-Konzert mit Werken aus Rihms Kompositionsklasse. Ebenfalls eine Besuchsempfehlung sind die Konzerte des Leipziger Streichquartetts („Fetzen – Mozart/Mendelssohn/Rihm“, Mi, 28.3., 20 Uhr, Stephansaal) und des Arditti Quartets (Mo, 2.4., 20 Uhr, Karlsburg).

Theater und Tanz
Das finale Drama in Sophokles’ „Ödipus“-Mythos liefert die Vorlage für „Kolonos“ (Do, 22.3., 20 Uhr, Staatstheater, Kleines Haus, 24./27./30./31.3. u. 3./6./11./18./28.4.), das als spartenübergreifendes „Wolfgang-Rihm-Projekt von Laurent Chétouane“ bei den „Europäischen Kulturtagen“ uraufgeführt wird. Mit Texten aus zwei von Friedrich Hölderlin übersetzten Fragmenten, zeitgenössischem Tanz sowie weiteren Musikstücken Rihms nähern sich Schauspieler aus dem Staatstheater-Ensemble dem Thema Fremdheit; erste Einblicke gibt es „Sonntag vor der Premiere“ (18.3., 11 Uhr). Eine weitere Uraufführung steuert Chétouane mit seinem Tanzstück „Hommage an das Zaudern“ (Mi, 4.4., 20 Uhr, Insel) bei. Das gleichfalls zum ersten Mal gespielte multimediale szenische Konzert „Three Mile Island“ (Do, 29.3., 21 Uhr, ZKM; 30.+31.3.) von Andrea Molino greift den Störfall auf, der sich 1979 im gleichnamigen US-Kernkraftwerk zugetragen hat. Im Mittelpunkt des Musiktheaterstücks steht der österreichische Meteorologe Ignaz Vergeiner, der in den 90ern tausenden mutmaßlich Verstrahlten ein Gutachten für ihre Massenklage gegen Betreiber und pennsylvanische Regierung an die Hand gab, ohne am Ende etwas bewirken zu können. Auf der Bühne mischen sich audiovisuelle Originalaufnahmen eines mehrstündigen Interviews, das Vergeiner kurz vor seinem Tod gegeben hat, mit Komponiertem. Wiederaufgeführt wird die vergangenes Jahr debütierende Gottfried-von-Einem-Oper „Dantons Tod“ (Fr, 23.3., 20 Uhr, Staatstheater, Großes Haus; 25.3., 19 Uhr; 4./17./20.4., 20 Uhr), zu der Rihm im Auftrag des Staatstheaters mit Büchner-Texten das Vorspiel „Eine Straße, Lucile“ geschrieben hat. Und die bekanntermaßen aus Karlsruhe stammende Berliner Tanzkoryphäe Sasha Waltz würdigt den Jubilar bei einer ihrer stärksten Choreografien, die in der Auseinandersetzung mit Rihms „Jagden und Formen“ (Fr, 23.3., 20 Uhr, Festspielhaus Baden-Baden) entstanden ist.

Ausstellungen
Im Blickpunkt von „Zeitgegenstände“ (18.3.-10.6.) stehen in der Städtischen Galerie bildende Künstler, die für Rihms Werk eine grundlegende Rolle gespielt haben; aber auch gepflegte Freundschaften werden hier abgebildet. Unter den großen Namen: der auch von der Kinemathek in den Fokus gestellte Franzose Antonin Artaud, der Schweizer Adolf Wölfli oder der österreichische Maler Kurt Kocherscheidt, deren Arbeiten unmittelbaren Niederschlag in Rihms Kompositionen gefunden haben. Dazu gesellen sich Künstler, die seit den 70ern an der Karlsruher Akademie lehrten, etwa Markus Lüpertz, Georg Baselitz oder der Däne Per Kirkeby. Rihm zugewandt ist auch Jonathan Meese, dessen Hommage unter dem Titel „Erzerzerzmusik de large“ ab Mi, 28.3. in der Galerie Karlheinz Meyer zu sehen ist. Mit „Chiffren – Rihm im Kontext des musikalischen Schriftbilds in Europa“ (21.3.-16.6.) beteiligt sich die Badische Landesbibliothek, die aufgrund ihres Sammelschwerpunkts über wichtige Schriften zum Thema verfügt: Neben Dokumenten abendländischer Musikkultur werden hier Manuskripte Rihms präsentiert. Auf dem Programm stehen auch Führungen und Gesprächsrunden mit Kurator Achim Heidenreich und HfG-Professor Uwe Hochmuth (Fr, 23.3., 17 Uhr), dem langjährigen Karlsruher Kulturreferenten Michael Heck (Do, 29.3., 17 Uhr) und Rudolf Frisius (Do, 5.4., 17 Uhr). Das Museum für Literatur am Oberrhein dokumentiert im Prinz Max Palais Rihms Gedichtvertonungen, die von antiken Schriftstellern bis zu Gegenwartsautoren reichen. Eröffnen darf die Schau „Etwas Neues entsteht im Ineinander – Wolfgang Rihm als Liedkomponist“ (28.3.-1.7.) Günter Schnitzler von der Universität Freiburg, der dessen Liedwerk „Zwischen Struktur und Semantik“ (Di, 27.3., 18 Uhr) analysiert. Die Musikgeschichte unter gesellschaftspolitischen Aspekten reflektierende Ruth Ewan (30.3.-17.6.) steht beim Badischen Kunstverein im Zentrum einer interaktiven Ausstellung: Die schottische Künstlerin präsentiert erstmals ihren eigens für die „Kulturtage“ konzipierten Musikautomaten des frühen 21. Jahrhunderts und lädt bei einem mehrtägigen Workshop vom 2.-9.3. Musiker zum Komponieren ein. Bei der Eröffnung (Do, 29.3., 19 Uhr) ist Ewan mit einer Konzertperformance vor Ort. Und zu einem Palast der Töne erwächst ab Fr, 16.3. das ZKM: Um 19 Uhr eröffnet „Sound Art – Klang als Medium der Kunst“ (17.3.-5.8.). Die Tonkunst manifestiert sich hier bei Klangskulpturen, der Klang-Licht-Installation „Dream House“ und Musikperformances.

Film
Die Kinemathek widmet sich bei ihrer Retrospektive vom 27.3.-6.4. im Studio 3 einem der Urväter der Performance, von dessen weit übers Theater hinausgehenden Vorstellungen auch Rihm nicht unbeeinflusst blieb: Antonin Artaud. So finden sich in Rihms musikalischem Werk immer wieder Referenzen zu Texten des Dichters, Theoretikers und Kunstkritikers, der gleichfalls Theaterstücke inszenierte, Kulissen wie Kostüme entwarf und als Redakteur, Theaterleiter und Schauspieler gearbeitet hat. In letztgenannter Funktion sieht man ihn (wie so oft in einer Nebenrolle) als Scherenschleifer im Eröffnungsfilm, Fritz Langs „Liliom“ (Di, 27.3., 19 Uhr). Die Auswahl seiner 22 Auftritte umfassenden Filmografie enthält neben den übrigen bedeutenden Arbeiten „Napoléon vu par Abel Gance“ (Fr, 30.3., 18.30 Uhr) und „La Passion de Jeanne d’Arc“ (Fr, 6.4., 19 Uhr) von Carl Theodor Dreyer auch Raritäten wie „L’Opéra de quat’sous“ (Sa, 31.3., 19 Uhr), die französische Sprachfassung der vergleichend gezeigten „Dreigroschenoper“ (Sa, 31.3., 21.15 Uhr+So, 1.4., 19 Uhr) unter Regie von Georg Wilhelm Pabst, in der Artaud einen Bettler gibt. Ergänzend widmen sich Vorträge zum einen der Beziehung Rihms zu Artaud (Mi, 4.4., 19 Uhr) und zum anderen dessen grundsätzlicher Bedeutung für das Kino (Mi, 28.3., 19 Uhr).

Vermittlungsprogramm
Um die zeitgenössische Musik dem Publikum von morgen näherzubringen, werden die „Europäischen Kulturtage“ durch ein Vermittlungsprogramm begleitet: „Von Anfang an: Baustelle Musik“. Dabei können sich Kinder, Jugendliche, ganze Schulklassen, aber auch Erwachsene mit der Neuen Musik anfreunden. Neben diversen Aufführungen bieten Workshops Gelegenheit zum Komponieren, Klangkörperbauen und selbst Auf-die-Pauke-Hauen. Im Rahmen der „Karlsruher Meisterkonzerte“ gibt das SWR Sinfonieorchester ein Vorspiel eigens für Kinder: „Lila und die Erfindung der Welt“ (Mo, 19.3., 11.30 Uhr, Konzerthaus) ist eine fantasievolle Erzählung, die sich in fünf Préludes von Claude Debussy fortsetzt. Die „Boléro“-Kinderkonzerte (So, 11.3., 11+15 Uhr, Staatstheater, Großes Haus) führen 40 musizierende Jugendliche mit Komponist Markus Hechtle, seinem neuen Stück „Fenster zur See“, Klangstäben, Maurice Ravel und der Badischen Staatskapelle zusammen. Bei „Rihm Your Street!“ (Sa, 24.3., 11 Uhr, Werderplatz; Sa, 24.3., 16 Uhr, Südliche Waldstraße) können Jugendensembles aus Karlsruhe und Umgebung von „Kolonos“ ausgehend eigene Kurzkompositionen in der Innenstadt zum Besten geben; Grundschüler versuchen sich mit Kreide, Ketten, Glasperlen und was sich sonst noch zum Geräuscherzeugen eignet an Klanginstallationen, die dann ab Di, 13.3., 18 Uhr als „Klangwald“ im Foyer des Staatstheaters ausgestellt werden. Und in „Schlag zu!“ (So, 18.3., 14 Uhr, HfG, Lichthof 4) beschäftigen sich Jugendliche perkussiv unter Anleitung von Professor Nakamura mit „Tutuguri VI“ – jenem radikalsten Werk Rihms, das die „Europäischen Kulturtage“ unüberhörbar eröffnet. -pat

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