3. Karlsruher Wochen gegen Rassismus

Stadtleben // Artikel vom 13.03.2015

Wirr ist das Volk...

Die unter dem Deckmantel der Friedensbewegung emporgekommenen Patriotischen Europäer machen dieser Dienstage auch in Karlsruhe überdeutlich, welch latent ausländerfeindliche Gesinnung in den Köpfen schlummert. Auch wenn der erste noch als „Spaziergang“ verharmloste Quasi-Neonazi-Aufmarsch der rechtspopulistischen Kargida (abgesehen von den gedroschenen Parolen offenbarte allein der Hauptredner Michael Mannheimer, wes Geistes Kind man ist) am 24.2. gut und gerne sechsmal so viele Menschen mobilisiert hat, die sich „Für ein vielfältiges, weltoffenes und solidarisches Karlsruhe“ und gegen haltlose Überfremdungsangst und verschwurbelte Verschwörungstheorien stellen – die Stimmungsmache reicht längst bis in die Mitte der Gesellschaft. Und wird scheinbar bestätigt von einer nicht weniger gefährlichen Fraktion, die ihren Terror mit falsch verstandenem Glauben verschleiert und dem westlichen Rest ein vollkommen aus der Zeit gefallenes Weltbild aufzwingen will. Die gegenwärtige Lage verleiht den vom 13. bis zum 29.3. stattfindenden „Karlsruher Wochen gegen Rassismus“ bei ihrer dritten Auflage zusätzliche Relevanz. Im Werben um ein tolerantes Miteinander haben verschiedenste Institutionen und Vereine ein Programm zusammengestellt, das in der ganzen Stadt zwischen Eröffnungsveranstaltung (Mo, 16.3., 18 Uhr, Rathaus) und dem Vielfalt feiernden Abschlussfest (So, 29.3., 14 Uhr, Tollhaus) größtenteils eintrittsfreie Vorträge, Diskussionen und Workshops, Lesungen, Filme, Theater und Kabarett, Konzerte, Ausstellungen und die Möglichkeit zur unvoreingenommenen Begegnung bietet.

Vorträge, Diskussionen & Workshops
Den „Wolf im Schafspelz“ (Fr, 13.3., 19.30 Uhr, Tollhaus) enttarnt diese Podiumsdiskussion, in der „No-Kargida“-Organisator Jörg Rupp das Phänomen Pegida ergründet und zeigt, was wirklich hinter dem vermeintlich bürgerlichen Protest der Unzufriedenen und Abstiegsängstlichen steckt. „Fragile Mitte – Feindselige Zustände“ (Di, 17.3., 19 Uhr, Tollhaus) nennt sich eine seit 2006 von der Friedrich-Ebert-Stiftung veröffentlichte Studie, die belegt, dass rechtsextreme und menschenfeindliche Einstellungen kein reines Randgruppenproblem sind. Mitautorin Daniela Krause vom Institut für interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung bespricht die Ergebnisse u.a. mit der Rechtsextremismus-Expertin Ellen Esen, die sich bei „Übersehen, verharmlost, vertuscht? Rechter Terror in Baden-Württemberg“ (Do, 19.3., 19.30 Uhr, Jubez) ebenfalls zum NSU äußert. „Einen Beitrag zur Versachlichung der Diskussion“ liefern die Vorträge von Mitgliedern des Karlsruher Polizeipräsidiums und des AK Migrationsbeirat zum Fragenkomplex „Kriminalität durch Migranten oder kriminalisierte Migranten?“ (Mo, 23.3., 19 Uhr, Ständehaus-Saal); dass hinter jedem Flüchtling eine von Hoffnung getriebene Lebensgeschichte steht, verdeutlicht die Schwarzweißserie „Willkommen in Deutschland“ (Sa, 21.3., 20 Uhr, Ständehaus-Saal) des Fotografen Martin Gommel. Er berichtet in seiner Bilderschau von den Begegnungen vor der Landesaufnahmestelle und den Sammelunter­künften in der Stadt, den Schicksalen der Menschen und wie sie ihn verändert haben. In die Kultur der größten europäischen Minderheit eingetaucht ist Rolf Bauerdick. Mit kritischem Wohlwollen schildert sein Fotovortrag „Zigeuner – Begegnung mit einem ungeliebten Volk“ (Di, 24.4., 19.30 Uhr, Ständehaus-Saal) den Alltag der Sinti und Roma, während Dr. Firouz Alavi auch anhand der Genforschung „Das Märchen der verschiedenen menschlichen Rassen“ (Do, 26.3., 19.30 Uhr, Baha’i-Zentrum) widerlegt. Und wer sich beim Workshop zum kritisch-kreativen Umgang mit den „Afrikabildern in Kinderbüchern“ (Sa, 28.3., 10 Uhr, Prinz-Max-Palais) einbringen möchte, meldet sich per E-Mail (wochen-gegen-rassismus@kultur.karlsruhe.de) an. Auch die Rolle der Religionen wird ausgiebig behandelt: Beim Quadrolog „Wer ist mein Nächster?“ (Mi, 18.3., 19.30 Uhr, Internationales Begegnungszentrum) erörtern Glaubensvertreter die „Frage von Freund und Feind“; mit den gängigen Vorurteilen aufräumen möchte die nur für Frauen gedachte Gesprächsrunde „Doch was denkt der Kopf unter dem Tuch?“ (Do, 19.3., 18.30 Uhr, Gemeinderaum Ahmadiyya) und inwieweit das kurz vor dem ersten Spatenstich stehende „Stadtgeburtstags“-Projekt „Garten der Religionen“ zu einem friedlichen Miteinander beitragen kann und ob eine Glaubensgemeinschaft gewaltbereiter ist als die andere, bewertet man im Roncalli-Forum am Do, 19.3. ab 19 Uhr.

Lesungen
Unter dem Motto „Jeder ist Ausländer – fast überall“ (So, 15.3., 11 Uhr, Kaffeehaus Schmidt) lesen Mitglieder und Gäste von Amnesty International Texte von und über Migranten. Zu ihnen zählt auch Mehrnousch Zaeri-Esfahani, die in der Autobiographie „33 Bogen und ein Teehaus – Die Geschichte einer Pilgerin aus Isfahan“ (Mi, 25.3., 20 Uhr, Stadtbibliothek) aus der Kinderperspektive die schrecklichen, schönen, aber immer wieder auch erheiternden Erlebnisse ihrer Flucht aus dem Iran und der Ankunft in Deutschland beschreibt. Und bevor Renate Schweizer im AWO-Begegnungszentrum Irma Zöller ihre „Mixmedia, Materialpainting und Teaquarellen“-Ausstellung „Kunst aus Tee“ (Fr, 27.3., 20 Uhr; bis 31.7.) eröffnet, präsentiert sie sich als Resha & Friends (Mo, 23.3., 19.30 Uhr) an der Steel Drum zusammen mit Flötistin Andrea Singelmann und Musik-Text-Collagen aus Gedichten von Hilde Domin, Erich Fried und Pablo Neruda, Fabeln und Märchen. Bei der „Non-Stop-Lesung für die Menschenrechte“ (Sa, 14.3., 20 Uhr, Café Palaver) ist dann ein jeder eingeladen, neben Karlsruher Persönlichkeiten einen kurzen Text zum Thema vorzutragen.

Filme
„Alle anderen sind nicht gleich anders“ (Sa, 28.3., 19 Uhr, Studio 3, www.nicht-gleich-anders-film.de) heißt die jüngst bei den San Francisco Film Awards ausgezeichnete neue Produktion von Filmboard-Vorstand Oliver Langewitz. Nach einer fiktionalen Einstiegssequenz, in der die busfahrende Studentin Mara (Nadine Knobloch) couragiert einschreitet, als ein Schwarzer angepöbelt wird, beschließt sie, den Ursachen von Rassismus auf den Grund zu gehen. Neben Experten wie dem Integrationsforscher Prof. Dr. Klaus J. Bade oder Friedenspreisträgerin Irmela Mensah-Schramm trifft der Zuschauer auf in der Region lebende Menschen unterschiedlicher Ethnien und Religionen und begleitet Neuankömmlinge bei ihren ersten Schritten auf fremdem Terrain. Zur Premierenvorstellung empfängt das Karlsruher Filmboard seine Gäste um 18.30 Uhr mit Sekt im Foyer der Kinemathek. Zur „Langen Nacht der Kurzfilme – Die Bilder in meinem Kopf“ (Fr, 27.3., 21.15 Uhr) wird sich hier außerdem thematisch wie filmästhetisch auf ganz unterschiedliche Weise mit Migration und den Erfahrungen von Fremdheit und Vertrautsein beschäftigt. Den schwarzen Komparsen, die in der Weimarer Republik deutsche Kolonial- und Propagandafilme gedreht haben, widmet sich Annette von Wangenheims Doku „Pagen in der Traumfabrik“ (Do, 26.3., 19 Uhr, Studio 3); über ihre „Geschichten aus dem Fußball“ sprechen Gerald Asamoah, Hans Sarpei und die Boateng-Brüder in „Wie im falschen Film“ (Mi, 25.3., 19 Uhr, Jubez), anschließend bittet Produzent Andreas Hellstab zur Diskussion. In Johannes Kuhns „Der Dachdecker von Birkenau“ (Do, 19.3., 19.30 Uhr, Internationales Begegnungszentrum) erinnert sich der 89-jährige Mordechai Ciechanower daran, wie er Auschwitz und vier weitere Konzentrationslager überlebt hat; und Burak Cem Arliel schlägt mit „The Turkish Passport“ (Mo, 23.3., 18.30 Uhr, Badisches Landesmuseum), der Tausenden Juden das Leben gerettet hat, ein weithin unbekanntes Kapitel des Holocausts auf. Schließlich geht es noch nach „Macondo“ (Do, 26.3., 19.30 Uhr, Landesmedienzentrum), einer Wiener Flüchtlingssiedlung. Im Spielfilm von Sudabeh Mortezai muss der elfjährige Ramasan aus Tschetschenien nach dem Tod des Vaters das Familienoberhaupt geben.

Theater & Kabarett
Vier Theaterstücke mit anschließendem Podiumsgespräch steuert das Badische Staatstheater bei: „Aufstand“ (Mi, 18.3., 20 Uhr) reflektiert das Leben eines kurdischen Künstlers in der Türkei; es folgt der „Maienschlager“ (Do, 19.3., 20 Uhr), Katharina Gerickes märchenhaftes Bühnenwerk über Homosexualität im Dritten Reich, wo sich Hitlerjunge Mark Warweser in Jakob Glücksleben, Sohn eines jüdischen Lebensmittelverkäufers, verguckt. Auch in „Die Banalität der Liebe“ (Do, 26.3., 20 Uhr) geht es um eine verbotene Liaison zur Nazi-Zeit: Savyon Liebrecht erfindet für das raffinierte Dialogstück eine Interviewsituation, um die Jüdin Hannah Arendt von ihrem Verhältnis zum zeitweiligen NSDAP-Mitglied Martin Heidegger erzählen zu lassen; und scharfsinnig-amüsant entlarvt Ingrid Lausund in ihrer Komödie „Benefiz – Jeder rettet einen Afrikaner“ (So, 22.3., 19 Uhr) anhand von fünf übermotivierten Gutmenschen die mitleidskitschige Welt der Wohltätigkeitsorganisationen. Inspiriert durch John Gays „Bettleroper“, die auch Brecht Pate stand, ist die als turbulente Liebeskomödie mit Livemusik angelegte „Badisch-migrantische Drei-Cent-Oper“ (So, 15.3., 19 Uhr, Sandkorn-Theater) des Tiyatro Diyalog, und mit Django Asül (Fr, 20.3., 20.30 Uhr, Jubez) sowie Abdelkarim (Sa, 21.3., 20 Uhr, Tollhaus) gibt es mit das Beste, was migrationsvordergründiges Kabarett derzeit zu bieten hat: Während der Niederbayer türkischer Herkunft mit seinem Soloprogramm „Paradigma“ auftritt, bewegt sich der Marokkaner aus Bielefelds Bronx in Parallelgesellschaften „Zwischen Ghetto und Germanen“.

Konzerte
Drei lokale Bands greifen beim „Festival gegen Rassismus“ (Fr, 20.3., 20.30 Uhr, Substage) in die Saiten: Neben dem aus Neuseeland stammenden Singer/Songwriter Kiwi Keith Hawkins, der mit Musikern von Mess Up Your DNA und Sea Time seit vergangenem Sommer die Reggae, Rock und Soul verquickende Keith Hawkins Band bildet, stellen die drei Sons-Of-Sounds-Brüder ihr noch unveröffentlichtes Free-Metal-Konzeptalbum „In The Circle Of The Universe“ vor und das Alternative-Progressive-Trio Mareefield meldet sich mit „The Flood“ zurück. „Fünf Jahre Freundschaft, die Grenzen sprengt“ (Sa, 21.3., 19.30 Uhr) feiert derweil das Jugendzentrum der Jugendkirche Espirito. Höhepunkt des Geburtstagsfests ist das Konzert von Forró de KA, die sich auf die Musik und den Tanz aus Brasiliens Nordosten spezialisiert haben. Weitere „Anti-Rassismus“-gelabelte Gigs geben die bayerischen Volksmusikanten Kofelgschroa (Fr, 27.3., 20.30 Uhr, Jubez) sowie das persische Lyrik und zeitgenössische Kammermusik verbindende Berliner Jazz-Quartett Cyminology (Sa, 21.3., 20.30 Uhr, Kulturzentrum Tempel).

Ausstellungen
Fotocollagen, Videoarbeiten, Malerei und Musik sind die Ausdrucksmittel von Isis Chi Gambatté, die sich in „Zahl Zeichen Wort“ mit dem gegenwärtigen weiblichen Rollenbild auseinandersetzt. Zur Finissage (Fr, 20.3., 19 Uhr, Internationales Begegnungszentrum) erscheint ihre gleichnamige CD, von der es einige Ausschnitte zu hören gibt. Die vertrauten Bilder vom Leiden Jesu hat die Heidelberger Fotokünstlerin Gülay Keskin in fast körpergroßen Shootings neu inszeniert; begleitend zu ihrer „Passions“-Ausstellung finden zwei Gottesdienste (So, 15.+29.3., 10.30 Uhr, Ev. Stadtkirche) statt. Und Ellen Esens Führungen (Di, 17.+24.3., 10.30 Uhr) durch die Wanderausstellung der Friedrich-Ebert-Stiftung „Demokratie stärken – Rechtsextremismus bekämpfen“ (12.-30.3., Tollhaus) vermitteln über die 16 Tafeln hinausgehende Infos zu den unterschiedlichen Facetten des rechten Flügels mit speziellem Fokus auf die Entwicklung in Baden-Württemberg. Karlsruher Bürger können ebenso wie Auswärtige wieder selbst ein deutliches Zeichen gegen Rassismus und Diskriminierung setzen: beim dezentral startenden „Lichterlauf“ (Sa, 21.3., 19.30 Uhr) zum Platz vor dem Neuen Ständehaus. -pat

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