4. Karlsruher Wochen gegen Rassismus

Stadtleben // Artikel vom 14.03.2016

Deutschland uneins Mobbingland.

Und zwischen sexuellen und sächsischen Wüterichen, Köln und Clausnitz macht die AfD ihre freiwilligen Gefangenen. Kurz vor der magenschmerzenbereitenden Landtagswahl sind in Karlsruhe unter dem Leitgedanken „100 Prozent Menschenwürde“ die vierten „Wochen gegen Rassismus“ gestartet – mit einem (häufig kostenlosen!) Programm aus Vorträgen, Diskussionen und Workshops, Lesungen, Filmen, Theater, Comedy, Ausstellungen und Begegnungsangeboten, das dieses Jahr besonders viele Veranstaltungen für Schüler, sowie Kinder und Jugendliche beinhaltet.

Vorträge, Diskussionen & Workshops
Vor allem Facebook ist dieser Tage Plattform meist ungestrafter Hetze gegen Geflüchtete, die „Lügenpresse“ und andere „Volksverräter“. „Wie man mit #HateSpeech im Internet umgeht“ erklärt der Workshop „Hass, Hass, Hass“ (Mi, 16.3., 14 Uhr, Jubez) allen, die in den sozialen Netzwerken aktiv sind. Der in rechtsextremen Milieus recherchierende Journalist Olaf Sundermeyer referiert zu „Pegida und die Radikalisierung von rechts. Beobachtungen einer menschenfeindlichen Bewegung“ (Do, 17.3., 19.30 Uhr, Jubez). Dort ist die Vorstellung vom „Triebhaften Orientalen“ (Do, 17.3., 19 Uhr, Deutschsprachiger Muslimkreis Karlsruhe), den man sich mit einer Armlänge Abstand vom Leib halten muss, nach der Silvesternacht endgültig in den Hohlköpfen eingebrannt. Es wird erörtert, ob muslimische Männer tatsächlich frauenverachtende Paschas sind und sogenannte Gutmenschen vor lauter Multikulti-Romantik die Gefahr für unser Wertesystem verkennen. Was darüber hinaus die Religionen zur Bewahrung der freiheitlich-demokratischen Grundordnung beitragen können, diskutieren Vertreter von Judentum, Buddhismus, Christentum, Islam und Bahai (Do, 17.3., 19.30 Uhr, IBZ). Und während Deutschland darüber streitet, ob wir das nun alles schaffen, wird gerne vergessen, dass die meisten Menschen gar nicht nach Europa kommen, sondern nahe ihrer Heimat Zuflucht suchen: Die Situation der Geflüchteten in den Erstaufnahmeländern Libanon und Jordanien, Äthiopien und der Ukraine (Mo, 21.3., 19 Uhr, Ständehaussaal) ist das Thema am „Internationalen Tag zur Überwindung von Rassendiskriminierung“. Wie arm die als Wirtschaftsflüchtlinge abgetanen Menschen im Kosovo dran sind, zeigt der Fotovortrag von Martin Gommel (Sa, 19.3., 20 Uhr, Ständehaussaal) mit eindringlichen Schwarzweiß-Bildern aus Prishtina. Die Regionalgruppe Karlsruhe der Gesellschaft für bedrohte Völker lässt den Menschenrechtler Abidine Merzough schildern, wie in Mauretanien (So, 20.3., 19 Uhr, IBZ) auch heute noch Frauen vererbt und verschenkt werden; Uli Delius’ Spezialgebiet ist „Die Verfolgung der als bengalische Migranten betrachteten Rohingya in Myanmar“ (Mi, 23.3., 19.30 Uhr, IBZ), denen die Militärjunta sämtliche Bürgerrechte entzogen hat, was die muslimische Minderheit zu Ausländern im eigenen, obendrein buddhistisch geprägten Land macht. Die Aufgaben, Strukturen und Ziele der im Aufbau befindlichen zweiten nordbadischen Antidiskriminierungsstelle stellt die Karlsruher Leiterin Aliz Müller vor (Do, 24.3., 19.30 Uhr, IBZ) und wer sich wie über 3.000 Karlsruher ehrenamtlich engagieren möchte, besucht „Was tun! Aber was?“ (Mo, 21.3., 19.30 Uhr, Tollhaus), den Infoabend der AG Flüchtlingshilfe. Bei der audiovisuellen „Meditation gegen Rassismus“ (Sa, 19.3., 19 Uhr, IBZ) von Isis Chi Gambatté darf man sich dann beseelt von Rhythmen und Melodien aus Lateinamerika, Europa, Asien, Afrika und Indien dem Wunschtraum einer Welt des friedlichen Miteinanders hingeben.

Lesungen
„Machtworte“ (Do, 17.3., 19 Uhr, Mapa) zwischen Poesie und Wissenschaft spricht die von PH-Studenten des Masterstudiums Interkulturelle Bildung, Migration und Mehrsprachigkeit initiierte neue Lesebühne; die dort Soziologie lehrende Professorin Annette Treibel-Illian analysiert mit ihrem neuen Buch „Integriert euch!“ (Mi, 23.3. 19.30 Uhr, Studentisches Kulturzentrum) die gesellschaftlichen Folgen von Migration. Anita Awosusis Biographie „Vater unser“ (Mi, 16.3., 19.30 Uhr, IBZ) zeichnet das Leben und Leiden des Geigenbauers Hermann Weiß nach und legt damit ein Zeugnis der leidvollen Geschichte Karlsruher Sinti im Dritten Reich ab; modernen Antisemitismus und den Nahost-Konflikt verpackt Mirna Funks Debütroman „Winternähe“ (Mi, 23.3., 19 Uhr, Prinz-Max-Palais) in die Identitätsfindung einer deutschen Jüdin der Nachkriegsgeneration. Und der irakische Oud-Spieler Ali Jabor (Di, 22.3., 19.30 Uhr, IBZ) begleitet die von Wini Uhrig gelesene Erzählung „Delila, die Gaunerin und ihre Tochter Seineb, die Spitzbübin“ mit den märchenhaften Klängen seiner orientalischen Kurzhalslaute.

Filme
Das vom Nationalsozialistischen Untergrund 2004 verübte Nagelbomben-Attentat in Köln beleuchtet Regisseur Andreas Maus in „Der Kuaför aus der Keupstraße“ (Di+Sa, 15.+19.3., 19 Uhr, Kinemathek). Warum die Polizei die Täter so lange im Migrantenmilieu vermutet hat, kann das Publikum nach der ersten Vorführung mit dem Grünen-Landtagsabgeordneten und NSU-Untersuchungsausschuss-Mitglied Alexander Salomon besprechen. Drei Zeitzeuginnen geben in Annette von Wangenheims Dokumentation „Tanz und Politik – Tanz unterm Hakenkreuz“ (Do, 17.3., 19 Uhr, Kinemathek) Einblick in jene Zeit, als die Reichskulturkammer den Swing unter Strafe stellte. Auf einer persönlichen Reise zwischen Ku-Klux-Klan und den wahren Ariern im Iran versucht die Afrodeutsche Mo Asumang mit „Die Arier“ (Di, 22.3., 19 Uhr, Stadtmedienzentrum) herauszufinden, was hinter der krankhaften Idee vom Herrenmenschen steckt. Das monatliche „Kino ohne Grenzen“ von Caritasverband und Diakonischem Werk zeigt die mit viel Brass-Musik erzählte serbische Liebeskomödie „Gucha“ (Do, 17.3., 19 Uhr, Die Kurbel), in der Trompetenspieler Romeo die Ressentiments seines Schwiegervaters in spe um die Ohren fliegen. Gegen das Klischeedenken über Sinti und Roma wendet sich auch der u.a. mit Hannelore Hoger in der Titelrolle prominent besetzte ZDF-Fernsehfilm „Frau Roggenschaubs Reise“ (Mi, 16.3., 18.45 Uhr, Schauburg); vornweg feiert die vom Filmboard Karlsruhe produzierte essayistische Doku „I Am Human: Hinter jedem Flüchtling steckt ein Mensch“ Premiere.

Theater & Comedy
Die Theatergruppe Sepas der Iranian Student Association am KIT vereint in „Das Reich der Liebe hat keine Religion“ (Di, 15.3., 20 Uhr, Studentisches Kulturzentrum) drei philosophische Geschichten. Dramaturg Konstantin Küspert, einschlägig bekannt u.a. durch das NSU-Projekt „Rechtsmaterial“, eruiert mit seiner szenischen Lesung „Das neue Stück 37 – Rechtes Denken“ (Fr, 18.3., 20 Uhr, Badisches Staatstheater), warum braunes Gedankengut immer wieder neue Anhänger findet. Und weil bei aller ernsthaften Auseinandersetzung ein bisschen Spaß sein muss, berichtet Berhane Berhane (Sa, 19.3., 20.30 Uhr, Jubez), Stand-up-Comedian mit äthiopischen Wurzeln, in seinem ersten Soloprogramm von den Schwierigkeiten eines Mannes, der dem deutschen Beamtenapparat keinen Nachnamen vorlegen kann...

Ausstellungen
Bis zum 23.3. präsentiert das Tollhaus „Typisch ,Zigeuner‘?“ über „Mythos und Wirklichkeiten“ in Politik und Medien im historischen Kontext; darin werden Personen des öffentlichen Lebens wie Charlie Chaplin oder Yul Brynner hervorgehoben, die einen Sinti- und Roma-Hintergrund haben. Zu sehen ist die Ausstellung unter der Woche von 10 bis 18 Uhr, während der Veranstaltungen und explizit am Di, 15.3., wenn Jovica Arvanitelli, Leiter der Beratungsstelle für nicht-deutsche Roma in Mannheim, ab 19.30 Uhr „Die Lebenswirklichkeit von Sinti und Roma in den sogenannten sicheren Herkunftsländern“ darlegt. Und Pesta-Schüler haben mit „Alle verschieden – alle gleich“ (Di, 22.3., 18 Uhr) zusammengestellt, wie sich die Durlacher Pestalozzischule zwischen Straßendemo und Filmdreh gegen Rassismus und Ausgrenzung positioniert.

Begegnungsangebote
Vor allem wollen die „Wochen gegen Rassismus“ Orte der Begegnung schaffen: Der Dachverband islamischer Vereine in Karlsruhe lädt zum muslimischen Freitagsgebet am KIT (Fr, 18.3., 13.15 Uhr, Altes Stadion, Anmeldung: info@dmk-karlsruhe.de) und die KA-Community des Berliner Vereins „Über den Tellerrand kochen“ (Sa, 19.3., 16 Uhr, Viki) belegt, dass Toleranz über den Magen gehen kann. Interkulturelle Kulinarik steht zusammen mit Musik (u.a. von Yakagnambé, Jamie Clarke, Keith Hawkins, Leønlight, Sea Time, El’an oder Yelitza Laya) und anderen Darbietungen auch auf dem Programm des „Vielfaltfests“ (So, 20.3., 14 Uhr, Tollhaus). Und alle Karlsruher können ebenso wie Auswärtige beim „Lichterlauf“ (Sa, 19.3., 19 Uhr, Treffpunkt: Platz vor der Ständehaus) wieder selbst ein deutliches Zeichen gegen Diskriminierung und gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit setzen. -pat

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