Gründerneuzeit auf dem Alten Schlachthof

Stadtleben // Artikel vom 12.06.2015

Mit der Eröffnung des Perfekt Futur ist am 12.4.2013 Karlsruhes Gründerneuzeit angebrochen.

Einst wurden hier Tiere angeliefert, begutachtet und gehandelt und das Sandsteinrelief über dem nördlichen Zugang nimmt immer noch Bezug auf die anfängliche Nutzung des Gebäudes, das noch bis 2006 Kfz-Betrieben als Lagerhalle diente, bevor K3-Büro und Fächer GmbH beschlossen, auf Existenzgründer zu bauen und die Schweinemarkthalle aus dem Jahr 1928 zur modernen Ideenschmiede umzufunktionieren.

Heute bietet das Raum-in-Raum-Konzept einer Start-up-Stadt aus 68 dreigeschossig gestapelten Seefrachtcontainern, die mit Fenstern und Türen versehen und durch Stahltreppen verbunden sind, 33 Firmen der Kultur- und Kreativwirtschaft vom Modelabel über das Filmstudio und den Mediendienstleister bis hin zur PR-Agentur geschlossene Arbeitsräume und offene Kommunikationszonen gleichermaßen.

Einer der jüngsten Zugänge ist Bonds (www.my-bonds.com), Stéphanie Kelters und Marc Steinmetz’ Footwear-Label, das mit seinen De-Luxe-Sandalen für Damen und Mädchen schon vor dem Einzug einen überregionalen Bekanntheitsgrad erlangt hat. „Riemchen wechsel dich“ lautet das Motto beim „Schuh mit Clou“, der sich auf Knopfdruck am Zehentrenner jedem Style anpassen lässt – ob lässig-cool oder high fashioned. „Als ich vor einem Urlaub nicht wuss­te, welche Schuhe ich zuhause lassen sollte, kam mir der Einfall einer wandelbaren Sandale“, blickt Stéphanie Kelter auf ihren bald neu aufgelegten Ur-Bond zurück. Aktuell umfasst die auch in ausgewählten Concept Stores und Premiumboutiquen von Stuttgart bis nach Rhodos erhältliche Kollektion mehrere Grundsohlen vom Modell Elegant über die mit Absatz versehenen Espalettes und Enfandrilles für kleine Füße bis hin zu Naturelle mit Korkfußbett, die sich durch 50 verschieden geprintete Triangle-Tücher und T-Stripes individuell gestalten lassen.

Auch für die aus Griechenland stammende Efstratia Dawood war eine persönliche Erfahrung ausschlaggebend, sich selbstständig zu machen: Durch ihren in der Widerstandsbewegung aktiven Großvater begann sie, die Mythenbildung der griechischen Geschichtsschreibung zu hinterfragen und gründete das Dokumentarfilm-Label Pnoes (www.pnoes.de), um „Im trüben Wasser der Erinnerung“ nach der Wahrheit über den Kampf der kommunistischen Partisanen gegen die Nazi-Kollaborateure zu fischen. Das von Kambeckfilm fertiggestellte Ergebnis ist Ende September im Tollhaus zu sehen und wird kurz darauf im Fernsehen ausgestrahlt. Dass sie keine Angst vor Tabuthemen hat, zeigt auch ihre jüngste Arbeit, der voraussichtlich im März 2016 veröffentlichte „Gefangen im Gesetz der Entmenschlichung“, in dem Efstratia Dawood anhand von Ermittlungsakten gegen NS-Verbrecher und anderem Beweismaterial das Schicksal des jüdischen Physikers Léon Gruenbaum und den Umgang von Justiz und Forschung mit den Opfern nachzeichnet. Ebenso ist die Transkulturalität für die gerade an ihren Promotionsvorbereitungen arbeitende Historikerin und Kulturwissenschaftlerin ein großes Thema: In „Mit deinen Augen den Himmel sehen“, der im Oktober erscheinen soll, dokumentiert sie den jüdisch-christlichen Dialog am Beispiel der inzwischen geschlossenen Bildungsstätte Kloster Denkendorf und begleitet eine Gruppe beider Glaubensgemeinschaften nach Israel. Vor Ort im Gründerzentrum funktioniert das Miteinander jedenfalls hervorragend: Für die Gestaltung des Pnoes-Logos – was übersetzt so viel heißt wie Lebensatem – hat Efstratia Dawood ihre Containernachbarn von Emotionsdesign beauftragt.

Mit der nächsten Produktionsstufe beschäftigt sich Digital Cinema Mastering (www.digital-cinema-mastering.com). Was bis vor wenigen Jahren noch in großen Filmkopierwerken vonstatten ging, übernehmen mit dem im Aussterben begriffenen 35mm-Format Dienstleister wie Julius Schall, der die Zeit des Umbruchs von der analogen zur digitalen Kinoprojektion als langjähriger Schauburg-Vorführer live miterlebt hat. Er versioniert für Produzenten und Verleiher Bild, Ton und Untertitel und konvertiert das Material in den aktuellen Standard Digital Cinema Package (DCP). Dazu zählt neben dem Mastern das Erstellen eines digitalen Schlüssels, der nur zum abspielenden Kinoprojektor passt, um Raubkopien zu verhindern.

Seinen Container teilt sich Julius Schall, dem als Mietersprecher im Perfekt Futur auch die Aufgabe zukommt, infrastrukturelle Verbesserungswünsche an die Fächer GmbH heranzutragen, mit seinem ehemaligen HfG-Kommilitonen Nils Menrad (www.nilsmenrad.de), der soeben die zweite Ausgabe des Karlsruher Dokumentarfestivals „Dokka“ hinter sich gebracht hat und nun wieder Zeit für sein Kerngeschäft findet: Dazu zählen in erster Linie cloudbasierte Onlineshops für Druckereien, die wegen der Komplexität ihrer Produkte auf branchenspezifische ERP-Lösungen angewiesen sind, sowie Medienproduktionen im interaktiven Kontext. Zur Wiedereröffnung des Bundesverfassungsgerichts entwarf er Displays, anhand derer man durch die BVG-Historie surfen kann; für den SWR das von Usern befüllte Radiofeature-Archiv „Dokublog“ (www.dokublog.de). Allerdings ist der studierte Medienkünstler auch anderweitig kreativ und produziert Interaktives an der Schnittstelle von Film und Internet – wie seine beim „Kulturpreis der Technologie-Region“ mit dem zweiten Platz gewürdigte enzyklopädisch aufgezogene Webdoku „A Gomringer Z“ (www.agomringerz.de) über Eugen Gomringer, den Vater der Konkreten Poesie. Für seine Musikdokumentation „Das Lied der Dinge“, in dem Nils Menrad Klangkünstler Helmut Bieler-Wendt nachhorcht, gab’s den Preis des „Unerhört“-Musikfilmfestivals Hamburg; aktuell arbeitet er an einer 3D-Doku über den in Sanierung befindlichen Stuttgarter Landtag.

Im Gegensatz zu den beiden HfGlern, die vergleichsweise schnell nach ihrem Studienende den Weg in die Selbstständigkeit eingeschlagen haben, kam bei Cordula Schulze (www.cordula-schulze.de) erst nach zwölf Jahren Festanstellung in einer großen Karlsruher Agentur der Wunsch auf, ihr eigenes Ding zu machen: Kommunikationsberatung mit ganzheitlichem Ansatz. Textprodukte wie Kunden- und Mitarbeitermagazine zählen genauso zu ihrem Erfahrungsschatz wie Pressemitteilungen oder Content für Social-Media-Kanäle. Einen Stil in der Eigendarstellung nach innen und außen zu finden oder weiterzuentwickeln, Botschaften langfristig zu festigen – darauf zielt ihre Presse- und Öffentlichkeitsarbeit für Unternehmen und Organisationen ab. Dabei hat die studierte Übersetzerin nicht nur das gedruckte Wort im Auge: „Meine Aufgabe besteht derzeit oft darin, zunächst die passenden Kanäle zu finden und dann die Inhalte aufzubereiten, auch mithilfe von Bewegtbild“, erzählt Cordula Schulze, die aus dem Ruhrgebiet über eine auf Kreativwirtschaftskunden fokussierte Londoner Translation Agency 2001 nach Karlsruhe kam und mit ihrem Text-, Konzept- und PR-Büro zu den Berufserfahreneren im bunten Perfekt-Futur-Mix aus jungen Hüpfern und alten Hasen gehört.

Für gute Geschäftsideen findet sich jederzeit noch ein Plätzchen in der Schlachthof-Gründerstätte, die um ein Wachstums- und Festigungszentrum erweitert wird. Wer in den elf Teilmärkten der Kultur- und Kreativwirtschaft von Architektur bis Werbung arbeitet und mit Blick auf die Zukunft ein Containernutzer gewesen sein möchte, muss sich online beworben haben. -pat

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