Halle 02 sagt goodbye!

Stadtleben // Artikel vom 29.06.2020

Das Kulturprogramm der Heidelberger Halle 02 wird bis auf Weiteres pausiert.

Die Macher Felix Grädler und Hannes Seibold kommentieren die unmittelbaren Auswirkungen des Pandemiegeschehens auf die Halle 02 als Kultur- und Veranstaltungsort:

„Wir sind aktuell sehr froh, in einem demokratischen Land zu leben, dessen Regierung nüchtern und analytisch den Herausforderungen der Pandemie entgegentritt und somit das Geschehen bislang gut gemeistert hat. Wir sind froh, dass es die Mechanismen der Kurzarbeit gibt, Zuschüsse des Landes und Konjunkturhilfen des Bundes gewährt werden und die meisten BürgerInnen bislang ruhig und besonnen geblieben sind. Beobachtet man das Geschehen in den meisten anderen Ländern dieser Erde, so muss man froh sein, in Deutschland Kulturschaffender zu sein.

Vor etwas mehr als 18 Jahren wurde der ehemalige Güterbahnhof in Heidelberg aus seinem stillgelegten Schattendasein befreit und in Eigeninitiative zum Kultur- und Veranstaltungshaus Halle 02 umgenutzt. Die Grundidee war damals, einen Ort zu schaffen, an dem sowohl zeitgenössische Kunst als auch Gegenwartskultur für ein vorwiegend junges Publikum stattfinden konnten. In der Halle 02 stellte die nationale und internationale Graffiti-Szene ihre Werke aus lange bevor Street-Art die Runde machte, die Halle 02 vermietete Büro- und Atelierräume bevor Coworking sich in Deutschland etablierte und sorgte für eine Vernetzung junger, kreativer Menschen in der Metropolregion. Mit der Halle 02 entstand ein experimenteller, freier Ort für Gegenwartskultur abseits etablierter Kultureinrichtungen ohne erwähnenswerte Zuschüsse.

Über die Jahre ist aus dem Projekt Halle 02 das Unternehmen Halle 02 geworden: Mit mehr als 80 studentischen Aushilfen, fast 30 festen Mitarbeitern, darunter fünf Auszubildende, vier duale Studenten, drei FSJler und meist vier Betriebspraktikanten ist die Halle 02 inzwischen ein wichtiger Arbeitgeber in der Stadt geworden und versorgt lokale Weinbauern und Brauereien, lokale Handwerksbetriebe und Solo-Selbstständige, Veranstalter und Agenturen, lokale DJs, Poetry Slammer und Bands mit Aufträgen.

Aktuell (bis vor Corona) finden in den Güterhallen jährlich mehr als 450 Veranstaltungen mit über 200.000 Besuchern statt: Ausstellungen, Konzerte, Kleinkunst und Comedy, genauso wie Szene-Veranstaltungen, Partys, unterschiedlichste Messen oder Märkte. Aus einem anfangs nur auf zwei Jahre terminierten Projekt ist die Halle 02 über die Jahre zu einer der größten Lieferanten von Gegenwartskultur in Süddeutschland geworden: Künstler wie Casper, Feine Sahne Fischfilet, Annen May Kantereit, Clueso, Afrika Bambaata, Robin Schulz, Faber, Die Toten Hosen, Wanda, Bilderbuch, Jan Delay, Von Wegen Lisbeth, Bausa, Paul Kalkbrenner und viele mehr sorgten in der Halle 02 für den musikalischen Zeitgeist. Mit einem hohen Maß an Professionalität, gepaart mit viel Liebe zum Detail und Respekt vor den Künstlern gelingt es immer wieder Künstler und Bands nach Heidelberg zu holen, was im umkämpften Wettbewerb der mittleren Großstädte alles andere als selbstverständlich ist.

Über beinahe zwei Jahrzehnte begegnete die Halle 02 immer wieder mit neuen Ideen, unkonventionellen Methoden und kreativen Lösungen den Herausforderungen, denen sich heutzutage Clubs und Musikspielstätten in ganz Deutschland gegenüber sehen. Wir haben es geschafft, die Heidelberger Bürgerschaft vom Erhalt der Halle 02 im neuen Stadtteil Bahnstadt zu überzeugen und kamen damit der Gentrifizierung zuvor. Mit dem Veranstalten von Businessevents als zweitem Standbein haben wir ein Modell entwickelt, das es uns ermöglicht hat, trotz immer höher steigender Kosten und trotz durch die Digitalisierung verändertem Freizeitverhalten, ein qualitativ hochwertiges Kulturprogramm vollkommen eigenfinanziert auf die Beine zu stellen.

Im Gegensatz zu vielen anderen Musikspielstätten in Deutschland wird die Halle 02 privatwirtschaftlich betrieben und erhält (seit 2017) keine städtische oder staatliche Förderung. Die dadurch entstandene Symbiose aus Kultur- und Businessveranstaltungen unter einem Dach – am einen Tag Gala-Dinner und am nächsten Tag Punk-Konzert – ermöglicht das beste aus beiden Welten für die jeweilige Zielgruppe zu bieten. Das Defizit aus dem Kulturprogramm (250T jährlich) gleichen die Mehreinnahmen aus den Businessevents aus.

Die Mehrzahl unserer Kulturveranstaltungen sind unbestuhlte Veranstaltungen, bei denen sich das Publikum frei bewegen kann und will. Die Interaktion zwischen Besuchern und Künstlern ist elementarer Bestandteil der gemeinsam genossenen Kultur. Abstandsregeln zerstören all diese Essentials von Rock-, Pop- und Indie-Konzerten, aber auch Clubveranstaltungen und damit unsere gemeinsamen und grundsätzlichen Bemühungen um diese Musiksparten. Mit Abstandsregelungen würden wir die Seele der von uns repräsentierten Gegenwartskultur opfern, denn diese Genres leben davon, Menschen in Kontakt zu bringen und die bei unseren Konzerten und Kulturveranstaltungen entstehenden emotionalen Gemeinschaftserlebnisse zu zelebrieren.

In der aktuellen Situation ist ein Ende der Pandemie noch nicht abzusehen, auch wenn es in vielen Bereichen des öffentlichen Lebens bereits Lockerungen gibt und der Alltag schon wieder fast normal erscheint. Experten sind sich einig, dass Veranstaltungen ohne Abstandsregeln erst nach der Entwicklung eines Impfstoffes oder eines wirksamen Medikaments gegen Covid-19 wieder vollständig möglich sein werden.

In den aktuellen Hilfspaketen der Bundesregierung sind auch eine Milliarde Euro für die Rettung der Kulturbranche vorgesehen, die den Zeitraum bis Ende August 2020 abdecken sollen. Die Stadt Heidelberg erlässt uns für sechs Monate die Miete und mit unserer Startnext-Kampagne, dem Maskenverkauf und der Öffnung der Kleinen Freiheit konnten wir weitere Gelder einspielen. Eine Wiederaufnahme des Veranstaltunsgeschäftes in unserer gewohnten und etablierten Form ist aktuell aber nicht in Sicht. Wir sind daher gerade nicht nur arbeitslos, zumindest in dem Bereich, in dem wir gerne arbeiten würden, sondern vor allem perspektivlos. Und auch falls es weitere Hilfestellungen und Lockerungen geben sollte, bleibt eine Unsicherheit, wie sich das Ausgehverhalten unserer Gäste künftig entwickeln wird, was uns derzeit keine Zuversicht gibt. Wir sehen in dieser Lage kein Szenario, das unser bisheriges ökonomisches wie kulturelles Betriebskonzept in einer Mit-/Post-Corona-Phase wirtschaftlich erscheinen lässt. Und, glaubt uns, wir haben dutzende dieser Szenarien durchgespielt.

Tatsächlich stellt uns die aktuelle Situation vor die schwerste Herausforderung, die wir in unserer fast 18-jährigen Geschichte zu bewältigen hatten. Die plötzliche Betriebsschließung 2005 wegen der unzureichenden Dachstatik haben wir bewältigt, gegen den Abriss der Halle 02 im Zuge der Bahnstadtentwicklung wurde erfolgreich gekämpft, die Verzögerung der Sanierung 2014/2015 wurde gekonnt umschifft und der Wegfall des kommunalen Kulturzuschusses konnte mit Mehreinnahmen aus dem Konferenzgeschäft kompensiert werden. Die Folgen der Corona-Pandemie können wir aber aus eigener Kraft nicht mehr zu stemmen.

Aus diesem Grund haben wir uns schweren Herzens und nach Abwägung sämtlicher Vor- und Nachteile dazu entschieden, unser Konzept und die Marke Halle 02, die wir über 18 Jahre aufgebaut und entwickelt haben, bis auf weiteres zu pausieren und uns zunächst auf andere Geschäftsmodelle zu konzentrieren, um ein Überleben des Betriebes vor Ort und damit seine Existenz zu sichern.

Wir zeigen uns solidarisch mit allen Kollegen im Veranstaltungsbereich und engagieren uns weiterhin in den entsprechenden Verbänden, um eine Einsicht der Politik und Unterstützungsmaßnahmen zu erreichen, die die Existenz der Branche sichert und ein weiteres Clubsterben verhindert. Wir versuchen weiterhin, die kulturelle Bedeutung von Musikspielstätten und Clubkultur vorwiegend für junge Menschen gesellschaftlich deutlich zu machen. Wir bedanken uns bei allen Gästen und Unterstützern, die uns in dieser Phase unterstützt haben und werden uns hierzu in Kürze nochmals melden, auch um mitzuteilen, wie es mit den bislang noch geplanten Veranstaltungen weitergehen wird.

Es fehlt an

  • einer Perspektive für eine wirtschaftliche Geschäftsgrundlage als Kulturbetrieb, dessen Basis nicht persönliche Ausbeute, Raubbau an Mitarbeitern, illegale Grenzzonen-Gänge oder persönlich unkalkulierbare Haftungsrisiken sind
  • einer Perspektive für nachhaltige, innovative, kreative Kulturarbeit, die auf gesellschaftliche Anerkennung und auf Verständnis für die wirtschaftlichen Anforderungen trifft
  • einer Perspektive, die Verantwortung für 120 Mitarbeiter übernehmen zu können, Kulturlieferant zu sein, Newcomerförderung zu betreiben, Nachhaltigkeit als Unternehmen zu leben und die Stadtgesellschaft kulturell mitzugestalten

Wir arbeiten mit aller Kraft an einer Perspektive, diese Hürden zu überwinden und in neuer Form zurückzukommen! Das können wir jedoch nicht aus eigener Kraft, aber wir fühlen uns mitverantwortlich, einen konstruktiven Prozess zu initiieren und engagierte Partner dafür zu finden. 18 Jahre Halle 02 war und ist für uns ein emotionales Auf und Ab und dies sicherlich eine der schwersten Entscheidungen in unserer Geschichte. Eines ist jedoch klar: Wir gehen natürlich nicht ohne eine letzte Party!  Wann auch immer diese wieder stattfinden kann…“ -ps

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