Jazzclub Karlsruhe auf der Suche nach einer neuen Bleibe

Stadtleben // Artikel vom 17.10.2014

Trotz seines großen Erfolgs nach der programmatischen Rundumerneuerung ist der eigentlich in der Schlachthof-Gaststätte angesiedelte Jazzclub derzeit ohne feste Spielstätte.

Nach langen Querelen zwischen Jazzclub und Schlachthof-Betreiber Bernd Gnann befindet sich der Jazzclub nach vielen letztlich erfolglosen Mediationen weiter auf der Suche nach einem neuen Spielort und veranstaltet seine Konzerte derzeit quer über die Stadt verteilt. Nachdem man von Problemen im Kurbel-Kino gehört hatte, entschloss man sich, einen Businessplan für einen Umbau der Kurbel und einen dort angesiedelten, rund 200 Personen fassenden Jazzclub zu erstellen. Die Umbaukosten werden auf maximal 500.00 Euro geschätzt – bei langer Vertragslaufzeit und niedrigen Zinsen keine utopische Summe.

Möglich wäre dieser Umzug nur, wenn die Kurbeltheater eG ihren Betrieb dort einstellt. Deren Investitionen und die beim Umbau des Kinos wären ebenfalls wertlos. Durch die dann entstehende höhere Miete als derzeit würde auch ein höherer Förderbedarf für den Jazzclub entstehen, das wiederum würde die „Balance“ der geförderten Kulturträger aus dem Takt bringen – aber auch neue Kooperationen ermöglichen wie etwa zwischen dem Jazzclub und der (ungeförderten) Hemingway Lounge.

Neben dieser, dem Jazzclub, Tempel, Kohi und Radio Oriente sowie dem größten Player Tollhaus bietet nun auch das Staatstheater eine Jazzreihe mit Thomas Siffling an. Ein gutes Zeichen – auch für den Kreativstandort und die Studenten der Musikhochschule, die hier eine Bühnenplattform finden. Unabhängig von allen gordisch verknoteten Problematiken: Für die Karlsruher City um den Europaplatz herum wäre eine intensive kulturelle Nutzung und Aufwertung des Passagehofs durch den Jazzclub plus Kinemathek von unschlagbarem Wert. Und ein klares, aktives stadtplanerisches Statement gegen die Prekarisierung der westlichen City. -rw

Kinemathek und Jazzclub gemeinsam im Passagehof?
Die Kinemathek, gleichermaßen Programmkino und kommunales Kino, ist Hauptmieter des Kurbel-Kinos; die Kurbel Filmtheater eG, eine Genossenschaft, ist Untermieterin der Kinemathek. Die Filmtheater eG hat schon länger auch finanziell zu kämpfen. Voraussetzung für den Schulterschlag von Kinemathek und Jazzclub zum jetzigen Zeitpunkt wäre, dass das Kurbel-Filmtheater seinen angesichts der Film-Konkurrenz nur schwer profitabel zu betreibenden Betrieb einstellt und das Gebäude umgebaut wird. Das Kino will aber offenbar weitermachen und sieht sich auf gutem Konsolidierungskurs. Stadtrat Lüppo Cramer, KAL, Aufsichtsrat der Genossenschaft, verweist im INKA-Gespräch drauf, dass die Genossenschaft ja einst extra gegründet wurde, um auch den Betrieb der Kinemathek abzusichern, die das Gebäude nicht alleine betreiben könne. Ihre Tür stehe offen, alle ausstehenden Mietzahlungen seien, wenn gewollt, sofort abrufbar. Derzeit ist das Thema vor Gericht. Eine verworrene Situation, denn auch in Bezug auf den „Fall“ Schlachthof-Gaststätte/Gnann – Jazzclub kann man konstatieren, dass zwar alle Beteiligten zahllose Vermittlungsgespräche und Mediationen hinter sich haben, aber das Tischtuch offenbar grundsätzlich zerschnitten ist. Pünktlich zum Jubiläumskonzert des Jazzclubs im ZKM lehnte der Kulturausschuss der Stadt die geplante Kooperation von Jazzclub und Kinemathek ab. Roger Waltz sammelte weitere Stimmen zum Thema.

Alfred Meyer (Kinemathek) im INKA-Interview
INKA: Ist das Thema, aus dem gesamten Kurbel-Kino ein kulturelles Zentrum mit Jazzclub und Kinemathek zu machen, mit der ablehnenden Entscheidung des Kulturausschusses der Stadt dahin?
Alfred Meyer: Wir meinen: nein. Wie wir erfahren haben, wird es – vor der Sitzung des Gemeinderates, auf jeden Fall vor den HH-Beratungen im Frühjahr 2015 – eine weitere Kulturausschuss-Sitzung geben und wir gehen davon aus, dass das Thema Jazzclub-Kinemathek dort wieder vorgelegt wird.

INKA: Gibt es schon eine Begründung des Entscheides gegen den Jazzclub im Passagehof?
Meyer: Eine Begründung für den ablehnenden Bescheid ist uns bisher nicht bekannt. Wir können vermuten, dass das alte Konzept zur Neuordnung des Schlachthofs (Schwerpunkt Musik) eine gewisse Rolle gespielt hat. Den Jazzclub, von dessen dramatischer Situation wir erst durch die BNN-Berichterstattung erfuhren, sehen wir als idealen Partner, zumal beide Einrichtungen ein ähnliches Publikum haben. Und auf die zahllosen Beziehungen zwischen Film und Musik (und die entsprechenden Möglichkeiten gemeinsamer Projekte) muss man ja nicht extra hinweisen.

INKA: Was ist geplant, um die Kinemathek aufzufangen? Wie zu hören ist, hat oder hatte das Kurbel-Kino Probleme, seinen regelmäßigen Mietzinszahlungen nachzukommen. Wie lange lässt sich der Betrieb ohne diese Mieteinnahmen fortführen?
Meyer: Die aktuelle Situation der Kinemathek war wohl ebenfalls Thema der Kulturausschuss-Sitzung, Ergebnisse sind uns bisher nicht bekannt geworden. Zur Fortführung des Betriebs können wir derzeit keine Angaben machen aufgrund eines laufenden Gerichtsverfahrens, daher nur so viel: Es wird viel Meinung zur Situation der Kurbel kommuniziert, aber geprüfte Zahlen (Bilanzen, Verbindlichkeiten) wurden bis heute nicht vorgelegt und die Situation der Außenstände ist bis Mitte 2014 eskaliert. Mangels eigener Finanzreserven stehen wir selbst mit dem Rücken zur Wand und mussten aktiv werden, auch um uns nicht der Gefahr auszusetzen, dass wir unsere Förderung(en), v.a. auch die Landesförderung, und die Gemeinnützigkeit verlieren, indem wir ein gewerbliches Unternehmen quersubventionieren. Dies ist untersagt.

INKA: Ist zu befürchten, dass nun statt einer dringend gebotenen kulturellen Aufwertung der City und des Passagehofs das gesamte Gebäude zum innerstädtischen Spekulationsobjekt wird und damit der Kultur verlorengeht ?
Meyer: Sehr gut möglich. Die Kinemathek kann das komplette Kurbelgebäude jedenfalls nicht allein betreiben, und eine Alternative zum Jazzclub besteht derzeit nicht. Der bestehende langfristige Mietvertrag für das Gebäude jedenfalls würde Investitionen rechtfertigen, wie sie für den vom Jazzclub angestrebten Umbau erforderlich sind.

Lüppo Cramer (Kurbel Filmtheater eG) im INKA-Interview
INKA: Angesichts der Jazzclub-Bestrebungen, die Kurbel mitzunutzen, gerät leicht in Vergessenheit, dass es ja derzeit einen Mitbetreiber des Kurbel-Kinos gibt: die einst auch zur Unterstützung der Kinemathek gegründete Kurbel Filmtheater eG, eine Genossenschaft, deren Aufsichtsrat du bist. Die Kinemathek sieht wegen der ausbleibenden Mietzahlungen den Gesamtbestand des Hauses mit seiner kulturellen Nutzung gefährdet. Wie ist die Lage aus deiner Sicht?
Lüppo Cramer: Vom Zusammengehen mit dem Jazzclub scheint sich die Kinemathek eine Rückkehr zu einem kleineren und homogeneren Publikum zu versprechen. Das Hauptproblem für die Kinemathek ist, dass ihnen unsere Konzeption, auch Blockbusterfilme zu zeigen, Popcorn zu verkaufen und ein breites Kinopublikum in die „heiligen Hallen“ zu ziehen, nicht gefällt. Unseres Erachtens ist das Konzept der beiden Kinos in einem Haus sehr wohl gut und zeitgemäß. Zudem hat der Gemeinderat vor ein paar Jahren Steuermittel in Millionenhöhe für den Umbau der Kurbel/Kinemathek und den Umbau des Nebenraums der Schlachthofgaststätte bewilligt. Es wäre der Öffentlichkeit kaum zu vermitteln, dass eben noch das Konzept „Filmhaus in der Kaiserpassage/Jazz im Alten Schlachthof“ galt und jetzt erneut Mittel für ein ganz anderes Konzept fließen sollen.

INKA: Wie geht es nun weiter?
Cramer: Nur weil wir eigene Vorstellungen zum Betrieb der Kurbel haben, ist die Kinemathek nicht berechtigt, die Kurbel zu liquidieren. 2009 hatten auf Bitten der Kinemathek ca. 30 Karlsruher Bürger eine Genossenschaft gegründet und sich in den letzten vier Jahren mit über 100.000 Euro Privatvermögen und ehrenamtlichem Einsatz darum bemüht, die Kurbel fortzuführen. Die ausstehenden Mietzahlungen sind abrufbar, die Kinemathek ist aber bis heute nicht bereit, die juristischen Schritte gegen die Kurbel-Genossenschaft einzustellen und die Gelder anzunehmen. Wir erwarten von der Kinemathek eine neue Dialogbereitschaft und ein Herauskommen aus dem Elfenbeinturm.

INKA: Ist das Kurbel-Konzept denn tatsächlich erfolgreich? Weshalb dann das Miet-Hickhack?
Cramer: Wie sich schon während der Umbaumaßnahmen zeigte, war das Kino in einem deutlich schlechteren Zustand als erwartet und die Besucherzahlen blieben nach der Neueröffnung im Oktober 2010 weit hinter den Annahmen zurück. Um die Kurbel zukunftsfähig zu machen, wurde in wichtige technische Neuerungen inves­tiert, in Digitalisierung und Klimatisierung. Die Programmausrichtung wurde optimiert und so stiegen die Besucherzahlen deutlich an – von knapp 28.000 im Jahr 2011 auf gut 50.000 im Jahr 2013. Bis Ende 2013 mussten wir zusammen mit der Kinemathek eine harte Durststrecke gehen, es kam zu erheblichen Mietrückständen. Aber die wirtschaftliche Situation und die Zahlungsmöglichkeiten der Kurbel waren der Kinemathek seit Gründung der Genossenschaft bekannt und wurden von ihr bis zum Sommer auch mitgetragen. Das Jahr 2014 wird nach den aktuellen Zahlen ohne Defizit abgeschlossen.

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