Durch Adlers Augen – Eindrücke aus der Kunstlandschaft (Mai 2023)

Kunst & Ausstellungen // Artikel vom 01.05.2023

Cindy Sherman

Von Kuchen, Clowns & Klimawandel

Eine Kolumne von Sabine Adler. Die freiberufliche Kunsthistorikerin arbeitet beim BBK und ist als Moderatorin und Kunstakteurin im Südwesten und in ihrer Heimat, der Pfalz, aktiv.

Cherry-Apple-Peach, Boston Cream Pie und Banana-Chocolate sind nur einige von insgesamt fast 50 Kuchensorten, die mich im vergangenen September in einem kleinen Diner an der Route 66 in Arizona angelacht haben – da fiel die Entscheidung wahrlich schwer! Eine falsche konnte ich jedoch kaum treffen, schließlich wartete die nächste Kuchenauslage mit weiteren opulenten Stücken immer nur ein paar wenige Ortschaften weiter. Daran erinnere ich mich beim Gang durch Wayne Thiebauds große Einzelausstellung in der Fondation Beyeler und wünsche mir, dass die grafischen Süßwarenlandschaften eine reale Form annehmen könnten… Zu appetitlich sieht die Buttercreme aus, die der amerikanische Maler großzügig mit Ölfarbe und pastosem Auftrag auf seine Leinwände zaubert.

Thiebaud malt Alltägliches. Menschen und Dinge aus seinem Umfeld; vor allem Motive aus der amerikanischen Popkultur. Er verführt und verwirrt mit seinen Abbildern von Spielautomaten, süßen Teilchen, wilden Stadtperspektiven und Porträts, die mit ihren meist leeren Blicken etwas an Edward Hopper erinnern. Ein Besuch der Ausstellung lohnt sich – auch wenn Thiebaud sich selbst nicht als Künstler, sondern lediglich als Maler verstand, gehört er mittlerweile fest zur klassischen Moderne und vermittelt in seinen Arbeiten, die zuletzt Spitzensummen von 1,7 Mio. Dollar erzielten, ein wenig kalifornisches Lebensgefühl im bisher etwas trägen Frühling.

Thiebaud ist nicht der einzige amerikanische Hochkaräter, dem aktuell eine Einzelschau gewidmet ist: Die Staatsgalerie Stuttgart zeigt in der Ausstellung „Anti-Fashion“ Arbeiten der Fotografin Cindy Sherman, die zu den teuersten Werken auf dem Kunstmarkt im Bereich der Fotografie zählen. Der Fokus der Werkschau liegt, wie der Titel bereits verrät, auf dem Dialog zwischen Mode und Fotografie. Shermans Arbeiten zeigen Figuren, die nicht dem vermeintlichen Schönheitsideal entsprechen und keineswegs als begehrenswert von ihr inszeniert wurden. Vielmehr widersprechen die abgebildeten Individuen den üblichen Konventionen von Haute Couture und werfen Fragen nach den Themen Gender, Stereotypen und dem Umgang mit diesen auf. Die großformatigen Fotografien sind teils auf dunklen Wänden, teils auf sehr farbenfrohen Untergründen gekonnt in Szene gesetzt und leuchten mir bei meinem Besuch entgegen. Besonders die Clowns und Partygirls haben es mir angetan – ironisch, kritisch, schillernd und ein wenig beängstigend wurden die Personen vor bunten und teilweise psychedelisch anmutenden Hintergründen in Szene gesetzt.

Kritisch und beängstigend sich auch die großen Stichwörter, die zur Ausstellung „1,5 Grad“ in der Kunsthalle in Mannheim passen. Als Partner der diesjährigen „Bundesgartenschau“ bewegt sich das Museum über die eigenen Grenzen hinaus und konnte auf dem Spinelli-Gelände einige ortsspezifische Installationen realisieren. Doch auch ein Besuch der Kunsthalle selbst lohnt sich: Unter Themenschwerpunkten wie Kosmos, Aktivismus und Ressourcen bezieht die Sonderschau sehr gelungen die Sammlungspräsentation ein, macht auf den Klimawandel und die daraus resultierenden Konsequenzen aufmerksam, gibt auf aktuelle Fragestellungen konkrete, poetische oder erfinderische Antworten und erschafft spannende Laborsituationen.

Der Rundgang ist erstaunlich interaktiv und vielseitig – es lohnt sich, für die Filme und Videoarbeiten genug Zeit mitzubringen. Zwischen beleuchteten Kühlschränken, gehäkelten Korallenriffen und riesigen Schnaken an den Wänden findet sich auch Kunst der Klassischen Moderne. Unter dem Schwerpunkt „Lebewesen“ wird anhand verschiedener Arbeiten aufgezeigt, wie eng die Klimakrise mit dem Verhältnis von Menschen zu nichtmenschlichen Lebewesen verbunden ist.

Und da ich viel Zeit mitgebracht habe, schaue ich mir lange Joseph Beuys an, wie er sich im Rahmen einer Performance drei Tage lang mit einem lebenden Kojoten einen Galerieraum geteilt hat. Vielleicht denke ich bei dem Titel „I Like America And America Likes Me“ auch kurz an die Route 66 zurück. Vielleicht auch noch mal mit etwas Bedauern an den Kuchen, den ich nicht vor mir habe. But that’s the way the cookie crumbles – oder eben der Cake.

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