Biss zur letzten Rübe – Landlieblingsplätzchen (August/September 2022)

Stadtleben // Artikel vom 01.08.2022

Johannes Hucke

Marie heißt heute Margit.

Eine Kolumne von Johannes Hucke, der seit 2007 die Region mit seinen Weinlesebüchern, Kriminalnovellen und Theaterstücken malträtiert. Jetzt versucht er, INKA mit epikureischem Gedankengut zu destabilisieren.

 

Marie liebt Kühe, schon immer – und wie! Kaum sieht sie irgendwo eine Kuhnase, muss sie da draufküssen. Manchmal klappt’s. Ein Hauptproblem unserer Zeit: der bestürzende Mangel an Kuhnasen, sogar in der Oststadt. Deswegen fährt Marie sogar noch manchmal mit den Eltern in Urlaub: weil die immer in den Schwarzwald wollen. Ein Hauptvorteil des Schwarzwalds: schöne Kühe auf den Weiden. Sogar mit Nasen! Zumindest bis vor Kurzem – bekanntlich hat die Weidehaltung arg abgenommen. Kostengründe, klar. Marie mag die Aktion von Schwarzwaldmilch, Kleinbauernhöfen die Milch abzukaufen. 2,29 Euro für ein Stückle Bio-Butter ist ganz schön viel für eine Studentin im Endsemester… Aber was soll’s? Prioritäten setzten! Kriegt Lars halt kein handgeschmiedetes Rasiermesser zum Geburtstag. Eh Hipster-Quatsch.

„Was hast du denn?“, erkundigte sich besagter Lars, als Marie neulich vom Einkaufen kam. Ihre Miene glich der einer Fünfjährigen, wenn die Eiskugel abgestürzt ist. – „Keine Butter“, antwortete sie tonlos. Der unvermittelte Sprung auf 3,69 Euro hatte eine Schockstarre ausgelöst. Und das war erst der Anfang. „Wovon soll man denn heute noch leben?“, klagte sie wie ihre eigene Oma – und Lars musste ihr beipflichten: Nicht mal auf seine Lieblingsbilliggefrierpizza hatte er noch Lust, seit die sich im Preis mal locker verdoppelt hatte. „Von jetzt auf gleich!“, beschwerte er sich und sah dabei ein bisschen wie sein eigener Opa aus. Beinahe hätte er: „Unerhört!“ geschimpft. Mit heiserer Stimme.

Das brachte die beiden auf die Idee. Eine der myriadenfach wiederholten Anekdoten aus Maries Familiengeschichte hatte eine urgroßelterliche Fahrradtour zum Inhalt, ziemlich genau 100 Jahre her, „zur Zeit der großen Teuerung“, wie stets mit Zeigefingerheben ergänzt wurde. Plus Zusatz: „Die haben sich nicht unterkriegen lassen, damals!“ Der Ausflug in Kürze: Wetter heiß – Vesper karg – Schwarzwald steil – See-Bad kalt – Gewitter gefährlich… Und der Hauptertrag besagter Tagesfahrt war Opa Ludwig. Dies wiederum veranlasste Marie, ihren Lars umzubenennen: Um eine gewisse ästhetische Nähe zum Vorbildereignis hinzubekommen, sollte er für diesen Tag des Reenactment den Opa-Namen tragen. Und ein Karohemd. Und aus ihr selber wurde Margit (puh, schüttel, Margit!), gewandet in ein Mamadirndl aus den 70ern.

„Ey, fahrt ihr Oktoberfescht?“ Wenig motivierend, die erste Reaktion des ersten Menschen, der ihrer ansichtig wird. Der Gemüsehändler ihres Vertrauens meint es nicht bös. Dann aber schnell zur Alb gestrampelt und immer Richtung Schwarzwald! In Höhe Weiherfeld versucht sich „Ludwig“ an einem zünftigen Ausflugslied, aber „Margit“ kennt den Text nicht. Bei „Halli-hallo, wir fahren!“ macht sie ein bisschen mit. Noch vor Ettlingen wird den beiden so heiß, dass sie beschließen, besagtes Bad vorzuziehen, ohne die seltsamen Sachen auszuziehen, der Verdunstungskälte… und der Schulklasse wegen, die gerade am anderen Ufer Molche fängt oder Lurche. „Oder Olme“, wie Ludwig vermutet. – „Es gibt keine Olme.“ – „Wohl gibt’s.“ – „Aber nicht hier.“ – „Weißt du’s genau?“

Einen ersten Angriff auf den improvisierten Picknickkorb kann Margit ohne Verluste abwehren. Inhalt: Brot vom Vortag (ein Euro), Schmalz Holsteiner Liesel aus der Krabbelecke vom Reformhaus (2,22 Euro), eine Stange Olmützer Quargel (auch Krabbelecke, 1,10 Euro), ein Radieschen (?), zwei Zwiebeln (??), Kräutersalz (--,--), keine Butter (--,--). Auch die improvisierte Kühltasche kann sie (noch) verteidigen: ein Literriesling (2,99 Euro Marke Verschwender), eine Flasche Wittmannsthaler Sprudelwasser (--,--, weil geklaut). Nein, das Picknick soll erst im Wald eingenommen werden, „in der Schattenkühle“, wie Margit ungewohnt romantisch säuselt. Die zieht sich aber hin… „Der Schwarzwald“, dekretiert Ludwig, „ist heutzutage viel zurückhaltender als 1922“, als sie fast eine Stunde auf einem Asphaltackerweg auf die Baumgrenze zu radeln.

Dass sich der Wald nicht nur viel zurückgezogener, sondern auch weniger spendabel hinsichtlich „Schattenkühle“ verhält, muss das nostalgische Pärchen erfahren, als es endlich in einem schnakenreichen Sumpf mit Bäumchen eine Rast beschließt. Ludwig beschließt, denn seine Kehle röchelt Wahnsinn. „Vielleicht sind wir noch nicht hoch genug?“, schätzt Margit – womit sie gar nicht so falsch liegt. Mit der Merkurbahn wären sie rasch auf 700 Metern gewesen, doch a) haben sie es nicht bis Baden-Baden geschafft und b) wären sechs Euro pro Person im Budget nicht enthalten. Alles nicht schlimm: Rieslingschorle fetzt, Vesper nährt. Manko eins: „Warum haben wir nur ein Radieschen mitgenommen?“ „Die andern waren voll schrumpelig.“ Manko zwei: Nicht eine einzige Kuhnase in Sichtweite! „Kein Wunder“, sinniert Margit später, schon fast wieder Marie, bereits Opfer der Erschöpfungslogik. „Wir hatten ja keine Butter dabei.“

Rekapitulieren wir: Hätten die zwei, ebenso nahe dem Hitzetod wie einem hirnverbrannten Streit, dann nicht doch noch einen Nothalt vor der Malscher Bahnhofsbrauerei eingelegt, das Tagesbudget wäre tatsächlich unter zehn Euro geblieben. Also schalten Sie ruhig ein, wenn es wieder heißt: OVD hilft sparen! Denn merke: Wer weg ist, kann zu Hause kein Geld ausgeben.

PS: Keine Ahnung, ob die Tour ähnliche Folgen nach sich ziehen wird wie die vor 100 Jahren. Es kam ja auch kein Gewitter.

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